Spendenaktion : An der Wiege des Wünschewagens

In  der  Ambulanz Mobile GmbH  in Schönebeck  werden Rettungswagen, Behinderten-, Notarzt-  und Krankentransportfahrzeuge  sowie Sonderanfertigungen  ausgestattet.
In der Ambulanz Mobile GmbH in Schönebeck werden Rettungswagen, Behinderten-, Notarzt- und Krankentransportfahrzeuge sowie Sonderanfertigungen ausgestattet.

In Schönebeck an der Elbe wird mit dem Erlös der letzten Spendenaktion ein neues Fahrzeug für den ASB Mecklenburg-Vorpommern ausgerüstet – diverse Lieferengpässe ziehen das Projekt aber in die Länge

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12. Januar 2022, 14:25 Uhr

Schönebeck | Bettina Hartwig kennt den Anblick schon. „Schließlich habe ich hier ja auch unseren ersten Wünschewagen abgeholt“, erzählt die Leiterin des Projekts beim ASB-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern. Kleinen und großen Fans von Rettungs- und Einsatzfahrzeugen, die zum ersten Mal hierherkommen, müssen aber die Augen übergehen: So viele Notarztfahrzeuge, Rettungswagen und Krankentransporter wie auf dem Gelände der Ambulanz Mobile GmbH & Co. KG in Schönebeck bei Magdeburg sieht man nur höchst selten auf einem Fleck.

Lieferengpässe machen sich stark bemerkbar

Aber es ist auch hier nicht der Normalfall, betont Vertriebsleiter Frank Lundershausen. Denn an Abnehmern fehle es dem Unternehmen absolut nicht – im Gegenteil: All diese Fahrzeuge würden sehnlichst von ihren Auftraggebern erwartet. Doch die Lieferengpässe in der Automobil- und der Zuliefererbranche machten auch um das Unternehmen aus Sachsen-Anhalt keinen Bogen: In fast all den Fahrzeugen auf dem Hof fehlten noch wichtige Bauteile, ohne die Endabnahme und Auslieferung unmöglich seien, erklärt Lundershausen, der auch Mitglied der Geschäftsführung ist. Trotzdem seien ihre Abnehmer noch gut dran, denn das Problem beginne schon viel früher bei den Basisfahrzeugen. Je nach Hersteller dauere es bis zur Auslieferung bis zu einem Jahr. Am „schnellsten“ gehe es momentan noch bei Ford-Modellen, die zu Behindertentransportern umgebaut werden – sie kämen bereits sieben oder acht Monate nach der Bestellung in Schönebeck an.

Rekorderlös im Vorjahr: 255 326 Euro für zweiten Wünschewagen

Auch der zweite Wünschewagen, der aus dem Erlös unserer Weihnachtsspendenaktion im vergangenen Winter finanziert werden soll, steckt in diesem Lieferstau. Bettina Hartwig und ASB-Landesgeschäftsführer Mathias Wähner haben sich dennoch mit uns in Schönebeck verabredet, damit nachvollziehbar wird, warum das Gros der gespendeten 255 326 Euro noch immer nicht ausgegeben werden konnte.

Blick in die Produktion der Ambulanz Mobile GmbH
Volker Bohlmann
Blick in die Produktion der Ambulanz Mobile GmbH

Am Schönebecker Unternehmen liegt es genauso wenig wie am ASB: Der Landesvorstand hatte Ende Januar unmittelbar nach Abschluss unserer Spendenaktion grünes Licht für die Anschaffung gegeben. Danach seien Angebote eingeholt worden, erzählt Bettina Hartwig. Im März wurde der Mercedes-Transporter dann bestellt. Wann er vom Hersteller ausgeliefert wird, ist aber immer noch nicht absehbar. Es wäre vielleicht etwas schneller gegangen, wenn die Entscheidung für einen Wagen mit einer Nutzlast von mehr als 3,5 Tonnen gefallen wäre – doch den hätten dann nur noch sehr wenige Ehrenamtler steuern dürfen, weil dafür ein Lkw-Führerschein nötig ist. Die Idee hinter dem zweiten Wünschewagen – mehr Fahrten anbieten zu können, insbesondere auch für Menschen, die auf Spezialrollstühle angewiesen sind – wäre so nicht aufgegangen.

Wer im Dezember bestellt hat, wird wohl erst 2023 beliefert

Also heißt es, weiter zu warten. Im Dezember seien die Basisfahrzeuge geliefert worden, die man in Schönebeck im Juni erwartet hatte, erklärt Frank Lundershausen. Wer erst im Dezember 2021 einen Rettungs- oder Krankentransportwagen bestellt hat, kann nicht vor 2023 mit der Fertigstellung rechnen – es sei denn, er hatte bereits das Basisfahrzeug, für das er in Schönebeck nur den Ausbau in Auftrag gegeben hat. Der gehe nun in drei bis vier Monaten über die Bühne, vor den coronabedingten Engpässen bei Zulieferungen hätte er allerdings nur wenige Wochen gedauert, so der Vertriebschef.

Dennoch brummt es in der Firma, überall wird gesägt, gebohrt, geklebt, verwandeln sich Fahrzeuge unterschiedlichster Bauarten ganz nach Kundenwunsch in ebenso moderne wie sichere Rettungs- und Kranken- oder Behindertentransportfahrzeuge. Im März tritt eine neue EU-Norm in Kraft, das hat dem Schönebecker Unternehmen mit seinen mehr als 300 Beschäftigten noch einmal einen Auftragsschub gegeben, erzählt Frank Lundershausen bei einem Rundgang.

Bei vielen Wagen wird zuerst das Dach ausgetauscht

Der führt unter anderem in eine Halle, in der Fahrzeug-Rohlingen das Dach abgenommen und durch ein in Schönebeck gebautes ersetzt wird. Hintergrund sind Vorschriften für die Innenstehhöhe in Rettungsfahrzeugen, die in einem einfachen Transporter nicht erreicht werden muss.

Der Innenausbau erfolgt dann in einer besonders großen Halle, in der die Fahrzeuge je nach Typ in mehreren Straßen hintereinander stehen. Krankentransporter, deren Ausbau weniger aufwendig ist, rollen darauf schon nach einem Tag zum nächsten Arbeitsplatz vor. Bei Rettungswagen dauert jeder Takt zwischen eineinhalb und zwei Tagen.

Feinschliff: Für die neuen Dachaufbauten wird die Fahrzeugkarosse geöffnet und angepasst.
Volker Bohlmann
Feinschliff: Für die neuen Dachaufbauten wird die Fahrzeugkarosse geöffnet und angepasst.

Hier fällt auch richtig auf, wie unterschiedlich die einzelnen Aufträge sind. Während einige Rettungsdienst-Träger zum Beispiel Boden und Wandverkleidungen in auffälligen Signalfarben gewählt haben, setzen andere auf dezente Brombeertöne, die auch Bettina Hartwigs Herz höher schlagen lassen. Auch andere Details registriert die Fachfrau ganz genau, macht immer wieder ihren Chef darauf aufmerksam: „So eine Rampe wäre auch für uns gut. Und solche drehbaren Sitze...“

„Wir liefern weltweit“

Wie international der Kundenkreis ist, wird beim Blick auf die Fahrzeuge klar, die bereits mit den Folien im bestellten Design beklebt sind. Da ist eine ganze Krankenwagenflotte für die dänische Region Nordjylland, es gibt Rettungswagen für Südtirol und für den ASB in Österreich, aber beispielsweise auch einen für das DRK im Landkreis Rostock. „Wir liefern weltweit“, erzählt der Vertriebsleiter stolz, „bis nach Neuseeland“. Inzwischen liege der Exportanteil bei 30 Prozent, die Ambulanz Mobile GmbH hat ein Tochterunternehmen in Österreich und Vertriebspartner in vielen Ländern der Erde.

Interessant ist auch hier, wie sich die einzelnen Fahrzeuge unterscheiden. In der Alpenregion sind Rettungsfahrzeuge zum Beispiel offenkundig kleiner und leichter, dafür haben die Rettungssanitäter und -ärzte hierzulande im Wageninneren mehr Bewegungsfreiheit.

Erfahrung mit Sonderausführungen

Wünschewagen zählen in Schönebeck zu den Sonderausführungen – Erfahrungen damit gibt es aber hinreichend, denn bis auf Schleswig-Holstein haben alle ASB-Landesverbände ihre Spezialfahrzeuge dort bestellt. Auf diese Expertise setzen auch Mathias Wähner und Bettina Hartwig für ihren zweiten Wünschewagen – auch wenn bis zu seiner Fertigstellung immer noch Monate vergehen werden.

Vertriebsleiter Frank Ludershausen
Volker Bohlmann
Vertriebsleiter Frank Ludershausen

Was dann passieren kann, deutet Frank Lundershausen vorerst nur an: Mit der Materialknappheit sind auch die Materialpreise gestiegen, und das nicht zu knapp. Wie viel davon auf die Kunden umgelegt werden müsse, sei noch offen. „Die meisten zeigen bisher aber Verständnis“, meint der Vertriebschef. Der ASB MV hat für den Fall der Fälle aus dem Erlös der letzten und der diesjährigen Spendenaktion zum Glück noch ein finanzielles Polster.

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