Allgemeine Verunsicherung in Rostock : Abschiedstournee: „Noch mal kräftig zubeißen“

Sänger Klaus Eberhartinger (l.) und Thomas Spitzer, Gitarrist,Texter bei EAV
Sänger Klaus Eberhartinger (l.) und Thomas Spitzer, Gitarrist,Texter bei EAV

Erste Allgemeine Verunsicherung aus Österreich geht auf Abschiedstournee und gibt auch Gastspiel in Rostock.

svz.de von
17. Februar 2019, 05:00 Uhr

Die Erste Allgemeine Verunsicherung, kurz: EAV, verabschiedet sich nach 40 Jahren von ihrem Publikum in Österreich, der Schweiz und Deutschland. Die Wiener Band um Sänger, Schauspieler und Conferencier Klaus Eberhartinger und Gitarrist und Songschreiber Thomas Spitzer hat in ihrer Heimat mehr Tonträger abgesetzt als die Beatles und Michael Jackson. Mit dem 68-jährigen Eberhartinger sprach Olaf Neumann über Unterhaltung mit Haltung, Trachtentümelei und das Älterwerden.

Auf Ihrer Abschiedstournee spielen Sie Hits wie „Ba-Ba-Banküberfall“, „Burli“ und „Märchenprinz“. Die Rechten sind überall auf dem Vormarsch. Braucht es da nicht dringend eine kritische Band wie die EAV?

Eberhartinger: Unsere Hits werden in kleinen Blöcken zusammengefasst, und zwischendurch gibt es auch Songs aus unserem aktuellen Album „Alles ist erlaubt“. Als EAV muss man schon auf den ganzen Rechtsruck eingehen, aber von der Bühne herunter wird man es nicht schaffen, die Welt zu verändern oder zu verbessern.

Wenn sich der eine oder die andere Zweifelnde überlegt, klare Position zu beziehen, dann ist das schon Unterhaltung mit Haltung. Das war uns immer wichtig trotz Nonsens-Slapstick-Nummern wie „Ba-Ba-Banküberfall“ oder „Küss die Hand“. Es ist eine schöne, unangestrengte Mischung für das Publikum und kein Bierzeltprogramm.

Wird es unter Umständen eine zweite Abschiedstournee geben?
Nein, wir tragen jetzt die EAV als Projekt zu Grabe. Das Spielen macht bei der Abschiedstournee wieder richtig Spaß. Und der Zuspruch ist so stark, dass viele Konzerte schon ausverkauft sind.

Die Briten sind wegen des geplanten Brexits verunsichert, Dax-Anleger sind verunsichert, die AfD sorgt für Verunsicherung in der Kulturszene. Was verstehen Sie eigentlich unter „Verunsicherung“?

Wir verstehen uns als Gegenentwurf zu den Versicherungen, die einem einreden wollen, man könne gegen alles versichert sein. Verunsicherung ist, wenn du nicht mehr klar und zielgerichtet planen kannst. Siehe Trump und Putin. Jetzt beginnt wieder ein atomares Wettrüsten. Das hätte man nicht gedacht. Was Friedenszeiten in Europa betrifft, gab es lange keine Verunsicherung, sondern Sicherheit. Das steht jetzt wieder auf dem Spiel.

Dazu kommen völlig falsche Entwicklungen in der Gesellschaft. Ich rede von Ökologie und Umweltschutz. Auf der anderen Seite verlangen wir eine billigere Fleischproduktion.

Dann darf man sich nicht wundern, dass die Produktion entsprechende Mittel einsetzt, die diesen Billigwahn auch ermöglicht. Das ist ein völlig falscher Weg. Man muss öffentliche Verkehrsnetze ausbauen, dann kann man das abfedern.

Mit dem Song „Kurti“ thematisierten Sie 1988 die Nazi-Vergangenheit des ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim. Hat Ihr jahrzehntelanges Engagement gegen Rechtsextreme und rechte Gewalt etwas verändert?
Leider hat sich keines unserer Themen erledigt. Wir waren immer schon gegen Neonazis. Heute sind sie fast schon salonfähig. Was sie sich heute erlauben, wäre früher absolut tabu gewesen. Das wird natürlich auch vorgelebt: Die White-Power-Ideologie ist in Europa weit verbreitet. Ausländer haben für die AfD eine Sündenbockfunktion. Diese Angstpartei streut braunes Saatgut aus. Aus Angst wird Wut, aus Wut wird Hass. Die Dummheit ist die Lunte zum Pulverfass.

Sollte man da nicht besser auf der Bühne bleiben und sich mit Leuten solidarisieren, die auch aufstehen?

Das muss man von unten tun. Die Demokratie ist ja auch verwässert worden. Wir haben zu sehr darauf vertraut, dass die Leute, die wir wählen, sie auch durchsetzen werden. Und jetzt haben wir den Salat! Bewegungen wie die AfD, die die Demokratie untergraben, holen mancherorts 25 Prozent der Wählerstimmen. Aber wo sind die anderen 75 Prozent?

In Österreich ist es genauso. Es gibt schon noch eine vernünftige Mehrheit, aber eine schweigende Mehrheit ist sinnlos. Sie muss auch laut werden!

Sind Sie Moralist, leben Sie Satire als ernsthafte Auseinandersetzung mit unserer Wirklichkeit?
Satire ist unser Stilmittel. Sie ist eine tolle Waffe, um recht gute Aufklärung zu betreiben. Ich bin ein Fan der Fernsehsendung „Die Anstalt“. Großartig!

Wird man im Alter milder?

Nein, nein, nein. Man wird nicht schöner und nicht schneller, aber angeblich weiser. Sich mit dem Alter zu arrangieren heißt nicht, alle Zähne abzugeben, wenn man mal kräftig zubeißen möchte.

Werden Sie als Konzession an die Mode der Zeit auf der Bühne Trachten tragen?

Nein, das überlassen wir anderen! Diese vorgetäuschte Authentizität der Trachtentümelei wird komischerweise nie hinterfragt. Für viele ist das Ganze bloß eine Verkleidung. Aber mir persönlich gefällt rein ästhetisch österreichische Tracht gut. Aber echte und kein Trachten-Look. Das ist wie ein Rotwildhirsch, dem gegenüber ein Arschgeweih steht! Im Sommer trage ich ganz gern mal Lederhose, aber die lange schwarze. Die Rock’n’Roller-Tracht.

Konzert

Die Erste Allgemeine Verunsicherung spielt am 22. Februar in der Rostocker Stadthalle, Südring 90. Konzertbeginn ist um 20 Uhr.


 

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