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Teure Tabletten : 845 Euro pro Kopf für Arzneimittel

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Ausgaben für Arzneimittel steigen ungeachtet aller Preisbremsen weiter rasant – vor allem in Mecklenburg-Vorpommern. Hintergründe zum neuen Arzneimittelreport der AOK

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erstellt am 26.Sep.2016 | 20:45 Uhr

Die AOK als größte Einzelkasse gab im vergangenen Jahr pro Versichertem im Mecklenburg-Vorpommern 845 Euro für Arzneimittel aus. Das entspreche einer Steigerung von 4,4 Prozent, teilte die AOK Nordost heute mit.

Wie aus dem Arzneimittelverordnungsreport 2016 hervorgeht, erreichten die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung 2015 ein Rekordniveau von 36,9 Milliarden Euro. Damit seien die Kosten in zwei Jahren um 4,8 Milliarden Euro gestiegen. Diese Entwicklung sei durch den patentgeschützten Arzneimittelmarkt begründet.

Gerade erst hat die Große Koalition ein neues Gesetz auf den Weg gebracht, das zur Preisbremse werden soll. Hintergründe zum neuen Arzneimittelverordnungsreport der AOK von Rasmus Buchsteiner.

Wie haben sich die Arzneimittelausgaben in letzter Zeit entwickelt?

Im vergangenen Jahr erreichten die Ausgaben für Medikamente 36,9 Milliarden Euro – ein neuer Rekordstand. Gegenüber 2013 entspricht das einem Anstieg um knapp fünf Milliarden Euro.

Worauf ist der Trend zurückzuführen?

In den ersten 20 Jahren sind Arzneimittel patentgeschützt. Die Kassenausgaben in diesem Bereich beliefen sich im Jahr 2015 auf 14,9 Milliarden Euro – ein Plus von knapp zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Patentgeschützte Arzneimittel wurden zuletzt für durchschnittlich 2291 Euro pro Packung angeboten.

Ein Beispiel: Besonders fällt der Anstieg der Ausgaben für das Hepatitis-Mittel „Harvoni“ aus: Es ging um mehr als 2000 Prozent nach oben, auf 691 Millionen Euro. Eine Tablette kostet 715 Euro. Auffällig: Der Ausgabenanstieg in Deutschland ist laut AOK nicht auf einen Anstieg der Verordnungen zurückzuführen, sondern auf die steigenden Preise.

Warum funktionieren bisherige Preisbremsen nicht?

Frühere Bemühungen um Preisdämpfung tragen sehr wohl Früchte, wenn auch nicht so stark wie erhofft. Über Rabattverträge gelang es den Kassen, 2015 rund 3,7 Milliarden Euro einzusparen. Der AMNOG-Mechanismus, 2011 eingeführt, sorgt dafür, dass die Nutzenbewertung eines Präparats bei den zwischen Kassen und Herstellern auszuhandelnden Erstattungspreisen berücksichtigt wird. Das führte im vergangenen Jahr zu Einsparungen von 796 Millionen Euro. Eigentlich sollten es zwei Milliarden Euro sein.

Was plant die Bundesregierung?

Bislang dürfen Hersteller den Preis im ersten Jahr selbst festlegen. Danach gilt der sogenannte Erstattungsbetrag, der unter Berücksichtigung des Zusatznutzens des Mittels mit den Krankenkassen verhandelt wird. Künftig sollen die Hersteller den im ersten Jahr freien Preis nur bis zum Erreichen einer bestimmten Umsatzschwelle abrechnen dürfen. Diese soll bei 250 Millionen Euro liegen. Wird diese Schwelle erreicht, gilt nur noch der niedrigere Erstattungsbetrag. Dafür kommt die Bundesregierung der Industrie an anderer Stelle entgegen: Die mit den Kassen ausgehandelten Rabatte sollen künftig vertraulich bleiben.

Wie beurteilen die Kassen die Regierungspläne?

Die Kassen fordern, die neuen Arznei-Pläne lieber auf Eis zu legen. Der Verzicht auf öffentliche Erstattungspreise bedeute Intransparenz und überhöhte Preise zu Lasten aller Versicherten, so Martin Litsch, Chef des AOK-Bundesverbandes.

Außerdem fordern die Kassen eine niedrigere Umsatzschwelle für die Absenkung der Erstattungsbeträge.

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