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Ausgrabungen in Stralsund : 500 Jahre altes Spielzeug gefunden

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Sie spielten in Hinterhöfen, auf klösterlichen Ballplätzen, in elterlichen Werkstätten, Kirchen und in engen Kinderstuben. Das Spielzeug des Mittelalters fiel einfach aus und war nicht selten aus Abfällen gefertigt.

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erstellt am 17.Feb.2012 | 07:31 Uhr

Stralsund | Sie spielten in Hinterhöfen, auf klösterlichen Ballplätzen, in elterlichen Werkstätten, Kirchen und, soweit vorhanden, in engen Kinderstuben. Das Spielzeug des Mittelalters fiel einfach aus und war nicht selten aus Abfällen und Knochenresten gefertigt. Mehr als 500 Jahre vor der Game-Boy-Generation, so zeigen jetzt Ausgrabungen in der Stralsunder Altstadt, waren die Jüngsten seinerzeit mindestens genauso erfinderisch wie die Kids von heute.

Seit der Anerkennung als Unesco-Weltkulturerbe vor fast zehn Jahren haben Forscher aus Baugruben, Kellern und aufgefüllten mittelalterlichen Latrinen der Hansestadt eine Vielzahl von Spielzeugen geborgen, die vor Jahrhunderten Kinderaugen zum Leuchten brachten. Für die Forschung seien die Funde beachtlich, schwärmt Gunnar Möller, Historiker und Archäologe.

"Stralsund ist inzwischen neben Lübeck die norddeutsche Stadt mit den meisten historischen Spielzeugfunden." Zudem verfüge man mit den Tagebüchern und Autobiografien von Vertretern der damaligen Oberschicht wie Franz Wessel (1487-1570), Bartholomäus Sastrow (1520-1603) und Nikolaus Gentzkow (1502-1567) über einzigartige Quellen über Kindheit, Jugend, Ausbildung und Freizeit im spätmittelalterlichen Stralsund.

Zum archäologischen Fundgut gehörten nicht nur hölzerne Kugeln, Murmeln, Kreisel und Spielsteine, sondern auch tönerne Spielzeugpferdchen, Pfeif- und Trillervögel sowie Brettspiele wie ein Fuchs- und Gänsespiel, das auf Ziegelsteine eingraviert wurde.

Auch Schachfiguren, hölzerne Kinderschwerter, eine Spielzeugarmbrust und Miniaturschiffchen waren die Renner auf mittelalterlichen Spielplätzen.

Zu den Raritäten unter den Fundstücken zählten ein aus einem Wolfszahn gefertigter Kindernuckel, ein Puppenkopf, eine Spielzeugflöte und hölzerne Knallröhrchen. Für Aufsehen sorgten vor einigen Jahren kleine Ritterfiguren aus Zinn, die vermutlich aus dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) stammten und beim Bau des Ozeaneums im Hafenbereich freigelegt wurden.

Nicht immer könne genau unterschieden werden zwischen Kinderspielen und dem Freizeitvergnügen der Erwachsenen, betont Möller. So habe Gentzkow in seinem Tagebuch erwähnt, dass er 1558 eine neue Pylekentafel in seinem Garten gesetzt habe, vermutlich eine Art Dartspiel. Zwei Jahre später ließ er eine Botzelbane, eine Kegelbahn, wiederherstellen. "Gekegelt wurde damals in vielen Klöstern", sagt Möller. Beim sogenannten Heidentöten seien die Kugeln gegen Mohammedaner-Figuren gerollt worden.

Einige Fundstücke geben den Wissenschaftlern noch Rätsel auf. So wurden bei der Sanierung des Rathauses im Obergeschoss kleine Lederpantöffelchen eines sechs- bis siebenjährigen Mädchens entdeckt. "Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob das Kind die Schuhe beim Spielen oder Essenbringen für den Vater getragen hat oder ob die Schuhe als Hinweis auf Kinderarbeit zu werten sind", sagt Möller. Unklar sei auch, warum bislang in Stralsund keinerlei Kindermobiliar wie Wiegen, Betten oder Kinderspinnräder ausgegraben wurden.

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