50 700 Beschäftigte verdienen nicht genug zum Leben

Das Risiko besteht nicht nur bei traditionell geringbezahlten Erwerbungen. Foto: dpa
Das Risiko besteht nicht nur bei traditionell geringbezahlten Erwerbungen. Foto: dpa

svz.de von
26. Juni 2012, 09:44 Uhr

Schwerin | Schlimmer ist es nur noch in Berlin: Mecklenburg-Vorpommern gehört bundesweit noch immer zu den Ländern mit dem höchsten Verarmungsrisiko. 5,2 Prozent aller sozialversicherten Beschäftigten in MV mussten im vergangenen Jahr trotz Arbeit Hartz-IV-Hilfe vom Amt beantragen, geht aus einer gestern vorgestellten Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hervor - bundesweit sind es 2,7 Prozent.

Mittlerweile kommen mehr als 50 700 Beschäftigte ohne ergänzende Hilfeleistungen nicht mehr über die Runden, kritisierte DGB-Nord-Vize Ingo Schlüter. Es gebe immer häufiger Unternehmer, die ihr Geschäftsmodell bewusst auf Hartz-IV-Leistungen für ihre Beschäftigten aufbauen würden. "Das ist ein großer grauer Markt", meinte der Gewerkschafter. Besonders alarmierend: In MV würden 15 700 Beschäftigte, darunter 1200 Lehrlinge, Vollzeit arbeiten gehen, aber trotzdem so wenig verdienen, dass sie aufstocken müssten, teilte die Landesagentur für Arbeit gestern mit. Auch 3900 Selbstständige erhielten Hilfe vom Amt. Schlüter: "Das ist entwürdigend für die Menschen."

Der Aufschwung geht an Geringverdienern vorbei: Die Zahl der Arbeitnehmer, die nicht von ihrer Arbeit leben können, ist in den vergangenen drei Jahren bundesweit deutlich gestiegen. So sank die Zahl der Haushalte mit mindestens einem erwerbstätigen Hartz-IV-Bezieher zwar in MV leicht um 0,4 Prozent. In den neuen Ländern nahm der Anteil aber um elf, in den alten Ländern um 14 Prozent zu, ergab die DGB-Studie. "Hartz IV ist keinesfalls nur ein Fürsorgesystem für hilfebedürftige Arbeitslose, sondern in starkem Maße auch für Erwerbstätige, die von ihrem Arbeitseinkommen allein nicht leben können", urteilt der DGB-Arbeitsmarktexperte Wilhelm Adamy. Der sich ausbreitende Niedriglohnsektor bringe immer mehr Beschäftigte in Finanznot: Bundesweit wurden Ende 2011 insgesamt 1,35 Millionen erwerbstätige Hartz-IV-Empfänger gezählt, 2007 waren es nur 1,22 Millionen. Besonders betroffen: Leiharbeiter. Im vergangenen Jahr hatte jeder zehnte Leiharbeiter Hartz IV bezogen, ermittelte der DGB.

Die Billiglohnstrategie der Wirtschaft bringt den Bund und viele Kommunen an die Belastungsgrenze: Allein für die Sicherung des Existenzminimums für hilfebedürftige Haushalte mit sozialversichert Beschäftigten mussten 2010 bundesweit rund vier Milliarden Euro an aufstockenden Leistungen aus Steuermitteln gezahlt werden, errechnete der DGB. Für die Leistungen für Unterkunft und Heizung beliefen sich die Hartz-IV-Hilfen für die Betroffenen auf 2,2 Milliarden Euro im Jahr.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen