zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 05:03 Uhr

44 Kopfschläge bis zum Happy End

vom

svz.de von
erstellt am 05.Nov.2013 | 04:35 Uhr

Hamburg | "Adriaaaan" - völlig erschöpft und mit schlimmen Blessuren sucht Rocky verzweifelt nach seiner Geliebten. Als er sie endlich unten inmitten der Zuschauer entdeckt, schließt er sie atemlos in die Arme. Was folgt, ist ein schier endloser Kuss - die emotionale Schlussszene sowohl im Film als auch jetzt im Hamburger Musical. Als sich Rocky und Adrian voneinander lösen, sind sie umringt von jubelnden Zuschauern. Mit stehenden Ovationen fordern diese die Darsteller immer wieder zurück auf die Bühne.

Rückblende: Mittwoch, 16 Uhr. In zweieinhalb Stunden wird sich im Tui Operettenhaus der Vorhang für das Musical heben. "Rocky" ist ab Februar als erstes deutsches Musical auch am Broadway in New York zu sehen. Doch die Garderobe und die vier Stühle in der Maske sind noch leer. Nur von der Bühne sind Stimmen zu hören. Routiniert sind dort die Techniker damit beschäftigt, Requisitenteile von einem Ort an den anderen zu rücken, den Ring herzurichten und technische Abläufe zu proben. Fast alles läuft später automatisch. Bühnenteile werden von links, rechts und oben bewegt und fügen sich im Sichtfeld des Zuschauers zu einem großen Ganzen zusammen. Auch Adrians und Paulies Wohnung besteht aus zwei Teilen. Links von der Bühne parkt Adrians Zimmer, rechts davon Wohnzimmer und Küche. Das Timing muss genau stimmen, damit alles klappt. "Es ist ein bisschen wie Tetris spielen", sagt Britta Englisch, Presse-Sprecherin im Haus. Als es am Anfang hieß, Stage Entertainment würde als nächstes "Rocky" inszenieren, war Englisch nicht sonderlich begeistert. Sie hielt "Rocky" für einen reinen Männerstoff, doch dem ist nicht so.

Das Musical zeigt mit einem bewegenden Schauspiel und stimmgewaltigen, meist sehr rockigen Liedern, wie sich zwei Menschen langsam annähern und sich schließlich ineinander verlieben. Durch das Bühnenbild wird sichtbar, wie Adrian Stück für Stück in Rockys Leben Einzug hält. Während seine Wohnung anfangs voll von Müll ist, verwandelt sie sich im Laufe der Zeit in ein richtiges Liebesnest. Der braune Vorhang wird durch einen rosafarbenen ersetzt, die alte Couch mit einer Tagesdecke verschönert und das Altpapier verschwindet, während sich der Kühlschrank füllt.

Bis zu zehn Outfits pro Schauspieler

In der 15 Millionen Euro teuren Produktion sind all die Details genau durchdacht - auch wenn sie der Zuschauer nicht sehen kann, etwa die Zahnbürste im Bad, das Ketchup im Kühlschrank oder das Buch "Who’s who in Boxing" im Regal. "Je detailreicher die Ausstattung ist, desto besser können sich die Darsteller in diese Welt einfügen", sagt Englisch. Dazu gehört selbst ein Designer-Teppich im Stil der 1970er Jahre, der zu den teuersten Ausstattungs-Stücken zählt. Gleich neben Rockys Wohnzimmer kniet ein Bühnentechniker und bearbeitet den Spint mit Pinsel und Farbe, der Rocky im Musical so wichtig ist. "Es gibt ständig irgendwo Ausbesserungen zu machen", sagt Englisch, die sich nicht nur hinter der Bühne bestens auskennt. 17-mal hat sie "Rocky" schon gesehen.

Eine Etage weiter oben gibt es einen tollen Ausblick auf den Zuschauerraum und den Ring. Dieser kann sich in alle Richtungen bewegen und wiegt allein drei Tonnen. Insgesamt wurden in das Bühnenbild 30 Tonnen Stahl verbaut. "Das Fundament des Hauses musste dafür sogar verstärkt werden", sagt Englisch. Noch eineinhalb Stunden bis zum Start der Show: Die Schauspieler trudeln nach und nach im Operettenhaus ein und machen sich mit Yoga- und Pilates-Übungen warm. Die erste Darstellerin in der Damen-Umkleide, der so genannten Black Box, ist Alex Avenell. Sie spielt Gloria, die Inhaberin des Petshops, in dem Adrian arbeitet. Bevor es für sie in die Maske geht, wirft sie sich in ihr 1970er Jahre Outfit. Die Darsteller haben zwischen vier und zehn Outfits und manchmal nur eine halbe Minute Zeit, um sich umzuziehen.

Für das passende Make-up auf der Bühne sorgt unter anderem Nicole Fischer. Für die Maskenbildnerin ist "Rocky" ein echter Glücksfall. An manchen Abenden ist sie ausschließlich für Rocky zuständig, an diesem Tag aber für mehrere Darsteller aus dem Ensemble.

Maskenbildner-Traum: Wunden schminken

"Hier kann ich mich endlich mal austoben und richtige Wunden schminken." In der Maske sind nicht nur Pinsel und Schminke zu finden, sondern auch die verschiedenen Perücken der Schauspieler. Sie sind handgeknüpft und selbst die Bärte sind Sonderanfertigungen, die auf Stecknadeln an der Pinnwand hängen.

Es ist mittlerweile 17.30 Uhr und alle Darsteller sind da. Von Hektik oder Nervosität ist nichts zu spüren. Das Team ist eingespielt und hat eine gewisse Routine entwickelt, die gefährlich werden kann. "Unser Rocky-Hauptdarsteller hat sich schon zweimal die Nase gebrochen und einmal angebrochen. Es mussten schon Hände und Lippen genäht werden", erzählt Englisch. Daher steht vor jeder Show noch einmal der so genannte Fight Call an. Dabei geht Fight Captain Adam Floyd noch einmal die Kampf-Szenen mit den Darstellern durch. Wie beim Paartanz sind alle Bewegungen genau aufeinander abgestimmt. Spezielle Box-Handschuh federn die Schläge ab, aber wehtun kann es manchmal trotzdem. 44 Kopfschläge innerhalb einer Show muss der Rocky-Darsteller einstecken. Trotzdem habe er sogar privat Spaß an dem Sport gefunden, erzählt Englisch. Drew Sarich hält heute sogar eine strenge Eiweiß-Diät und ist dank seiner Rolle so fit wie nie zuvor. Und das muss er auch, denn jede Show bedeutet eine gewaltige körperliche Anstrengung. Apollo-Creed-Darsteller Darryll Smith kommt schon beim Fight Call kräftig ins Schwitzen. Während die Darsteller ein letztes Mal die Kampf-Szenen durchgehen beginnt der Toncheck. Jede Minute ist genau getaktet. Um Punkt 18 Uhr kommen die ersten Zuschauer in den Saal.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen