zur Navigation springen

Heute vor 50 Jahren : 42 000-faches DDR-Unrecht

vom

50 Jahre nach Gründung der Erfassungsstelle der Landesjustizbehörden sind ihre 42 000 Akten interessant. Die Behörde in Salzgitter dokumentierte alle Hinweise auf regimebedingte Straftaten.

svz.de von
erstellt am 24.Nov.2011 | 11:25 Uhr

Braunschweig | Der DDR-Regierung war sie ein Dorn im Auge, für viele Ostdeutsche die Hoffnung auf Gerechtigkeit - 50 Jahre nach Gründung der Zentralen Erfassungsstelle der Landesjustizbehörden sind ihre 42 000 Akten vor allem für Historiker interessant. Am 24. November 1961, kurz nach dem Mauerbau, nahm die Behörde in Salzgitter ihre Arbeit auf und dokumentierte alle Hinweise auf regimebedingte Straftaten - vom Todesschuss an der Grenze bis zu Misshandlungen in DDR-Gefängnissen.

"Anhand der Akten kann noch einmal der Unrechts charakter der DDR rekons truiert werden", sagt Claudia Fröhlich. Die Historikerin der Uni Hannover erforscht die Geschichte der Erfassungsstelle. "Vor allem für die in der DDR Inhaftierten war Salzgitter sehr wichtig", sagt Fröhlich. Sie wussten, da gibt es zumindest eine Stelle, die das ihnen angetane Unrecht dokumentiert.

Erfasst wurden die Aussagen von Flüchtlingen und freigekauften Gefangenen, Informationen von Verwandten nach DDR-Besuchen, Zeitungsartikel über Zwischenfälle an der Grenze und auch der tägliche Lagebericht der Zöllner, die damals die deutsch-deutsche Grenze im Westen bewachten. "Wenn einer von einem gewalttätigen Gefängniswärter erzählte und dann noch ein Zweiter und Dritter - dann wussten wir, es stimmt", erinnert sich Hans-Jürgen Grasemann.

Der mittlerweile pensionierte Braunschweiger Oberstaatsanwalt war von 1988 bis 1994 Vize-Chef der Behörde. Seitdem lässt ihn die Erfassungsstelle - von vielen Archiv des Unrechts genannt - nicht los. Vorträge und Diskussionen, wie am 30. November in Berlin in der Niedersächsischen Landesvertretung, stehen auf seinem Programm.

1989 lag der von den Bundesländern und dem Bund finanzierte Jahresetat der Behörde bei 250 000 D-Mark, erinnert sich Grasemann.

In sieben Büroräumen arbeiteten damals zwei Staatsanwälte Teilzeit sowie drei Halbtags- und zwei Vollzeit-Bürokräfte. Trotz der bescheidenen Ausstattung verbreitete die Behörde Angst bei den Tätern in der DDR.

Zu Recht: Beim Abgleich mit den Akten der Stasi und der Volksarmee wurden viele Erkenntnisse aus Salzgitter zu wichtigen Mosaiksteinen bei der Rechtsfindung. In rund 75 000 Ermittlungsverfahren haben die Unterlagen aus Salzgitter bei der Wahrheitsfindung geholfen. "Ich glaube nicht, dass viel offen geblieben ist", sagt Grasemann.

Auch bei der Überprüfung von Richtern, Staatsanwälten und Justizangestellten auf eine mögliche Stasi-Vergangenheit wurden die Daten genutzt.

1992 wurde die Stelle dann geschlossen. Der 32 Kubikmeter große Aktenberg lagerte zunächst im Keller der Braunschweiger Staatsanwaltschaft, bis er 2007 nach Koblenz ins Bundesarchiv gebracht wurde. "Von den 42 000 Verfahrensakten wurden bislang 20 347 Akten erschlossen", berichtet Barbara Limberg vom Bundesarchiv und weist darauf hin, dass alle Akten genutzt werden können. Derzeit kommen pro Monat etwa drei Anfragen von Betroffenen und drei von Forschern, die sich mit den Verbrechen des DDR-Regimes beschäftigen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen