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Karnevalistisches Tanzturnier MV : 40 Tanzmariechen und ein Prinz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach vier Jahren fand in Mecklenburg-Vorpommern erstmals wieder ein karnevalistisches Tanzturnier statt.

svz.de von
erstellt am 14.Dez.2015 | 12:00 Uhr

Eine gefühlte Ewigkeit haben Gregor Marks und Celina Zimmermann für diesen Moment geprobt. Die beiden 13-Jährigen stehen Hand in Hand auf der Bühne. Sie lächeln. Die Musik geht an. Dann sind Gregor und Celina in ihrem Element. Unter den kritischen Blicken der Jury des Bundes Deutscher Karneval (BDK) werfen sie synchron ihre Beine in die Luft, springen über die Bühne, schlagen ein Rad. Die erste Hebefigur – besonders schwierig – auch sie gelingt. Doch plötzlich knackt es im Lautsprecher. Die Musik verstummt. Gregor und Celina lächeln tapfer und machen einfach weiter. Auch ohne Musik sind ihre Abläufe perfekt. Das Publikum applaudiert begeistert.

„Uns wurde gesagt, wenn die Musik aussetzt, sollen wir weiter tanzen“, erzählt Gregor später. „Ich war so aufgeregt. Ich habe richtig gezittert“, gibt Celina zu. Die beiden gehören zur Tanzsportgarde des Vereins „Einheit 46“ Parchim. Am Sonnabend starteten sie als Tanzpaar beim Turnier des Karneval-Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern in Demen bei Crivitz. 41 Teilnehmer aus acht Vereinen hatten sich für den Wettkampf angemeldet: Solomariechen, Marsch- und Schautänzer. Alles Mädchen und junge Frauen. Einzige Ausnahme: Gregor. „Das macht mir nichts aus. Ich bin das gewöhnt“, sagt der Schüler und grinst breit. Auch seine Trainerin Emely Gebert muss lächeln: „Er ist immer der Mittelpunkt.“

„Man muss den Jungs mehr Mut machen. Sie haben hier viel größere Chancen Deutscher Meister zu werden, als zum Beispiel beim Fußball“, meint Lutz Scherling. Er ist der Präsident des Karneval-Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern. Ihm ist es zu verdanken, dass nach vier Jahren erstmals wieder ein Tanzsportturnier nach Regeln des BDK im Land stattfindet. Die vergangenen Jahre habe die Teilnehmerzahl dazu nicht ausgereicht. Auch jetzt sind es nicht genug, um ein Turnier mit Qualifikationscharakter für die Landesmeisterschaften auszurichten. 80 Tänzer bräuchte es dafür.

Scherling hofft, dass diese Schallmauer in den nächsten Jahren durchbrochen wird. „Für die, die sehr leistungsfähig sind, ist es sehr wichtig, dass sie sich vergleichen können. Karnevalistisches Tanzen ist Hochleistungssport. Erfolg ist nur mit hartem Training zu realisieren.“

Wie anstrengend das sein kann, weiß Marie Häuser. Seit zwölf Jahren tanzt die 15-Jährige. Alles begann mit Cheer-Dance. Vor acht Jahren trat sie dann dem Anklamer Carneval-Club bei. Fünfmal die Woche trainiert die Gymnasiastin. Nebenbei macht sie noch Akrobatik. „Es ist sehr oft sehr anstrengend. Manchmal möchte man schon das Training ausfallen lassen“, gibt Marie zu. „Aber man kämpft trotzdem weiter. Ich möchte einmal was erreichen.“ Dann startet ihre Einmarschmusik. In der Disziplin „Tanzmariechen ab 15 Jahren“ gehört sie zu den Favoriten.

Alles sieht ganz einfach aus. Spagat, einarmiger Radschlag, Salti – alles macht Marie mit einem Lächeln. Zwei Minuten gehört die Bühne ihr. Anschließend heißt es warten, auf die Bewertung der Jury. Marie holt tief Luft. Als sie die Punktekarten sieht, springt sie in die Luft. Jauchzend rennt sie von der Bühne und fällt ihrer Freundin in die Arme. Die beiden lachen. Doch dann folgt die Ernüchterung: „403 Punkte gehen an Marie Häuser.“ 403. Dass sind 5 Punkte weniger als bei Nadine Erhardt. „Na ja. Ich bin wie immer Zweite. Es fehlen immer nur ein paar Punkte“, sagt Marie sichtlich enttäuscht. Die Kraft hätte zum Schluss einfach gefehlt. Das hätte wohl auch die Jury gesehen. Dennoch ist Marie nicht sauer: „Nein. Ich gönne Nadine den Sieg. Ich mache das ja vor allem aus Spaß.“

Spaß haben die Zuschauer in erster Linie bei den Schautänzen. Zu verrückten Melodien tanzen Erbsen, Sandmännchen oder Katzen über die Bühne. Ähnlich wie bei einem Musical erzählen die Tänzer auch hier eine Geschichte – meistens, ganz im Sinne des Karnevals – eine witzige. Schnelle Rhythmen, übertriebene Gesten und schrille Kostüme sind hier ein Muss. Doch was nach reichlich Schabernack aussieht, unterliegt ebenfalls strengen Bewertungskriterien.

„Mecklenburg-Vorpommern ist keine Karnevals-Hochburg. Es machen nur die mit, die dafür brennen“, sagt Scherling. Dennoch habe das Fest auch hier eine lange Tradition. 79 Mitgliedsvereine zählt der KLMV. Der älteste ist der Radener Carnevalsclub RCC bei Teterow. Er pflegt bereits seit 86 Jahren das karnevalistische Brauchtum. „Karneval ist auch hier ein wichtiger kultureller Höhepunkt und gehört in vielen Dörfern einfach mit dazu“, meint Schwerling. „Karneval – das ist Heimat.“ Umso wichtiger sei es, dass dieses Kulturgut weiter gepflegt wird. Der demografische Wandel sei auch beim Karneval zu spüren. Vor allem junge Mitglieder ziehe es nach der Schule in andere Regionen. „Aber ich denke, wir haben das Tal durchquert. Inzwischen bekommen wir wieder viel Zulauf“, sieht es der Präsident optimistisch. Durch aktive Vereinsarbeit konnten in den vergangenen Jahren viele junge Trainer gewonnen werden.

Karnevalistischer Tanz – das sei ein Sport für Jedermann. Kinder und Jugendliche könnten davon sehr profitieren. „Sie haben eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, der sportliche Ehrgeiz wird geweckt und vor allem bekommen sie ein Gefühl für die Gemeinschaft“, zählt Scherling auf.

Mehrere Generationen stehen auf der Bühne. Egal ob fünf oder 85 Jahre alt – sie haben gemeinsame Erfolgserlebnisse. „Wir machen etwas, was man nicht mit Geld kaufen kann: Wir zaubern anderen ein Lächeln ins Gesicht.“ Dafür sei laut Scherling jedoch ein hoher Anspruch von Bedeutung. Was in einem Jahr gut ankam, muss nicht auch im nächsten Jahr funktionieren. „Das Publikum kann nur durch qualitative Hochleistung bei Laune gehalten werden.“

Dass sie diesem Anspruch genügen, bewiesen die Teilnehmer des Tanzturniers. Schon jetzt steht fest, dass es auch im kommenden Jahr wieder ein Landesturnier in Mecklenburg-Vorpommern geben wird. Gregor Marks hofft, dass dann mehr Jungs an dem Wettkampf teilnehmen. „Mit Konkurrenz beim Paartanz macht es einfach mehr Spaß. Dann kann man sich gegenseitig anstacheln“, sagt er.

Seine Kumpels haben keine Lust auf den Leistungssport – die habe er schon gefragt. Warum, wisse er auch nicht, sagt er und grinst in die Runde hübscher Mädchen. Mit insgesamt zehn von ihnen tritt er beim Gardetanz auf. Dann steht er wieder einmal in der Mitte – oder eben im Mittelpunkt – und lächelt.

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