Löhne und Produktivität : Was Ost und West noch immer unterscheidet

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Auch drei Jahrzehnte nach der Wende sind die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West kaum zu übersehen. Was hat sich getan, wo hakt es noch? Ein Überblick.

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19. Mai 2019, 20:00 Uhr

Fachkräfte, Verdienst, Unternehmensstruktur: Wie steht der Osten 30 Jahre nach dem Mauerfall wirtschaftlich da? Und was muss sich für eine Angleichung ändern? Über diese Fragen diskutieren Vertreter von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft derzeit beim ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow. Der Osten hat in den vergangenen Jahrzehnten zwar deutlich aufgeholt, liegt aber immer noch hinter den westlichen Bundesländern zurück.

Weniger Produktivität

Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Produktivität im Osten geringer als im Westen. Laut Ostdeutschlandbericht des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) vom März 2019 erreicht kein Bundesland im Osten die Produktivität des schwächsten westdeutschen Bundeslands - nämlich des Saarlandes. Ein ostdeutsches Unternehmen in jeder Betriebsgröße ist demnach im Schnitt etwa 20 Prozent weniger produktiv als eine vergleichbare West-Firma. Das liegt zum einen an den fehlenden Konzernzentralen: 464 der 500 größten deutschen Unternehmen haben ihren Sitz im Westen, das sind etwa 93 Prozent. Das IWH macht aber auch Subventionen dafür verantwortlich: Wenn Staatshilfen an die Bedingung geknüpft sind, Arbeitsplätze zu erhalten oder zu schaffen, kann das einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität eher im Wege stehen.

Kleinteilige Wirtschaft

Die Wirtschaft in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg ist geprägt von kleineren und mittleren Unternehmen. In Ostdeutschland sind es gerade einmal 7,6 Prozent der Beschäftigten, die in Großunternehmen arbeiten - in Westdeutschland knapp 23 Prozent. Der Mittelstand sei gerade für die kleinteilige Wirtschaftsstruktur im Osten von großer Bedeutung, sagte Mittelstandspräsident Mario Ohoven der dpa. Kleinere Unternehmen beschäftigten im Osten mit Abstand die meisten Mitarbeiter und bildeten acht von zehn Lehrlingen aus.

Niedrige Löhne

Die Löhne in Ost und West nähern sich zwar langsam an, dennoch sind die Unterschiede nach wie vor erheblich: So hat sich der durchschnittliche Brutto-Monatslohn in Ostdeutschland von 2000 bis 2017 von 1970 Euro auf 2690 Euro gesteigert. Das entspricht einem Plus von 720 Euro (36,5 Prozent). Im Westen lag der Brutto-Monatslohn im Jahr 2000 bei 2480 Euro, 2017 waren es 3330 Euro - ein Plus von 850 Euro (34,3) Prozent. Laut einem vom Internetportal „Gehalt.de“ aufgestellten „Gehaltsatlas 2019“ ist Berlin aktuell der Spitzenreiter im Osten beim Gehalt: Beschäftigte haben hier im Schnitt ein Jahreseinkommen von 42 525 Euro. In den östlichen Bundesländern verdienen Beschäftigte im Schnitt weniger als 37 000 Euro. Der Bundesdurchschnitt liegt demnach bei 45 000 Euro pro Jahr.

Fachkräftemangel

Im Osten fehlt es nach Einschätzung von Experten zunehmend an Fachkräften. Die Wirtschaftsforscher sehen dafür vor allem folgende Gründe: Die Schulabbrecherquoten sind höher als in Westdeutschland. Vor allem aber schrumpft die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in den ostdeutschen Flächenländern künftig deutlich schneller als in den westdeutschen. Verschärft wird die Situation dadurch, dass die eigentlich dringend benötigten qualifizierten ausländischen Fachkräfte den Osten meiden und eher in westdeutsche Regionen gehen. Eine Ausnahme: Berlin.

Aufholjagd

Trotz aller Unterschiede hat sich seit dem Mauerfall viel getan: Laut Bundesverband Deutscher Industrie (BDI) betrug das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf nach der Wiedervereinigung nur ein Drittel des westdeutschen Niveaus. Heute liegt es bei fast 75 Prozent. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich mehr als verdoppelt, die Produktivität stieg um das Vierfache. „Die ostdeutsche Industrie trägt mit fast 20 Prozent zur Bruttowertschöpfung der neuen Länder bei, vor 20 Jahren waren es gerade einmal zwölf Prozent“, so der stellvertretende BDI-Hauptgeschäftsführer Holger Lösch.

Angleichung in Sicht?

Nach Berechnungen des Ifo Institutes in Dresden dauert es noch Jahrzehnte, bis der Osten den wirtschaftlichen Anschluss an den Westen schafft - wenn überhaupt. Berechnungen zufolge sei bis 2035 erst einmal keine Angleichung in Sicht, so Ifo-Ökonom Joachim Ragnitz. Am größten sind die Chancen demnach in Sachsen, beim Bruttoinlandsprodukt in absehbarer Zeit auf etwa 80 Prozent des Westniveaus zu kommen. Vor allem der Fachkräftemangel bremst das Wirtschaftswachstum. „Der Osten muss sich viel stärker bemühen, Zuwanderer aus anderen EU-Ländern oder Drittländern zu bekommen“, so Ragnitz. Da nur wenige Großunternehmen ihren Sitz im Osten haben, müssen die kleinen und mittlereren Betriebe möglichst aus eigener Kraft wachsen. „Das ist ein langjähriger Prozess.“

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