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Putschversuch hautnah : 26-Jähriger Schweriner sicher zurück

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"Ich will einfach nur weg" - Volker Raab, Volontär bei unserer Zeitung, war am Freitag in Istanbul und erlebte den Putschversuch am eigenen Leib

svz.de von
erstellt am 16.Jul.2016 | 08:59 Uhr

Ich bin zu Hause. Zumindest fast. Genauer gesagt sitze ich aktuell im ICE von Düsseldorf Richtung Würzburg, nachdem ich mit der ersten Turkish Airlines-Maschine gegen 15 Uhr Ortszeit aus Istanbul gestartet bin.

Rückblick auf den Vormittag: Gegen 12.15 Uhr öffnet endlich die Passkontrolle ihre Pforten. Der Weg in den Transitbereich des Atatürk-Flughafens ist frei. Doch der eigentliche Anschlussflug gen Kairo war bereits um 9 Uhr am Morgen gestrichen worden. In der Not buche ich einen Direktflug nach Nürnberg, der um 16 Uhr Richtung Deutschland starten soll. Doch kaum habe ich die Kontrolle passiert, wird auch dieser Flug gegen 14 Uhr gestrichen. Nicht nur mir geht es so: Mehr als 30 Mal flimmert das Wort "Canceled" über die große Tafel im Flughafen.

Was nun? Ich will nach Hause. In aller Verzweiflung laufe ich zum nächsten Turkish Airlines-Schalter mit dem Ziel "Düsseldorf" und frage nach meinen Möglichkeiten. Die Mitarbeiterin überprüft meinen Boarding Pass, streicht "Nürnberg" durch und winkt mich zum Bus aufs Rollfeld durch. Wohin es geht, ist mir  in diesem Moment ziemlich egal - die Prämisse lautet "Hauptsache raus aus diesem Land!". Zehn Minuten später sitze ich tatsächlich im halbvollen Flieger Richtung Deutschland. Der ersten Maschine Richtung Heimat, wie sich später herausstellt.

Ich habe unfassbares Glück gehabt. Nun sitze ich also im ICE von Düsseldorf Richtung Zuhause, durchgewühlt von den letzten 24 Stunden. Dass ich mich bereits jetzt wieder auf deutschem Boden befinde, erscheint mir wie ein Wunder. Erst vor rund 22 Stunden wollten Teile des türkischen Militärs wollten die Macht an sich reißen; war noch von Ausgangssperre und Kriegsrecht die Rede, Panzer und Soldaten patrouillierten auf Straßen und Plätzen, donnerten Kampfjets im Tiefflug über meinen Kopf hinweg. Ich bin unbeschreiblich erleichtert. Und hoffentlich bald auch endlich daheim.

Was zuvor geschah:

Die Kofferbänder im Atatürk-Flughafen sind voll. Jedoch rollt nicht etwa Gepäck die Bänder entlang, sondern Menschen schlafen auf ihnen. Ich bin vor einer Stunde am Istanbuler Flughafen angekommen, trotz der Warnung des Auswärtigen Amtes. Ich möchte so schnell wie möglich nach Hause.

Rückblick in die Nacht: Ich liege auf meinem Hotelbett und schaue Fernsehen. Nicht aus Langeweile, sondern weil ich es muss. Ich bin in Istanbul, am Tag des versuchten Militärputsches. Von Schüssen und Angriffen durch Hubschrauber in Ankara ist die Rede. Ankara ist weit weg. Der Atatürk-Flughafen auch - obwohl es nur drei Kilometer Luftlinie Entfernung sind. Doch zwischen mir und der Ausreise in die sichere Heimat steht das Militär. Mit Panzern.

Direkt vor dem Hotel ziehen Protestanten mit türkischen Fahnen durch die Straßen. Was sie skandieren, verstehe ich nicht. Hin und wieder höre ich die Rotoren vieler Helikopter. Polizei-Sirenen ertönen in unregelmäßigen Abständen. Was hier eigentlich vor sich geht, lässt sich nur grob erahnen und durch den TV-Sender "BEYAZ" verfolgen. Panzer fahren durch die Straßen, das Militär ist auf öffentlichen Plätzen präsent. Die Sender TRT und CNN Türk sind  zeitweise unter der Kontrolle der Putschisten .Gegen 4 Uhr morgens sichern Kampfjets im Tiefflug den Luftraum. Ohrenbetäubender Lärm lässt mich wieder senkrecht im Bett stehen. Bis die Sonne aufgeht, vertreibe ich mir die Zeit mit den TV-Sondersendungen und Whatsapp-Kontakt mit Freunden zu Hause.

Jetzt sitze ich, wie viele andere auch, in der Eingangshalle des Atatürk-Flughafen. Mit der Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die Heimat. Was noch passieren wird, ist aktuell unklar. Fest steht: Es war eine sehr kurze Nacht, ich habe keine Auge zugetan. Doch das ist das geringste Problem - ich will einfach nur weg. Am besten nach Hause.

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