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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 09:43 Uhr

200 Tassen Kaffee am Tag

vom

svz.de von
erstellt am 09.Aug.2012 | 09:41 Uhr

Schwerin | Ausgerechnet Fingerspitzengefühl. Fingerspitzengefühl ist eines der ersten Worte Deutsch, die der Schwede Andreas Lagerstedt benutzt. Es sollen mehr werden, viel mehr. Auch darum ist der 32-Jährige in diesem Sommer nach Schwerin gekommen - mit seiner Frau Louise und seinem Sohn Julius. In der Hauptsache aber wird Andreas Lagerstedt mithelfen, der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern einen Platz unter den Kaffee-Standorten der Welt zu verschaffen. Nestlé, der weltgrößte Lebensmittelkonzern, baut im Süden von Schwerin ein neues Kaffee-Werk für Nescafé Dolce Gusto Kaffeekapseln. Eine 220-Millionen-Euro-Investition. Etwa 450 Arbeitsplätze sollen entstehen. Noch in diesem Monat ist die Grundsteinlegung geplant.

Im "Gewerbegebiet Göhrener Tannen" gibt es derzeit nur wenige Anlieger und viel Wiese. Drei Bürocontainer stehen am künftigen Baufeld, Domizil des Aufbaustabes mit knapp 20 Kolleginnen und Kollegen. Die meisten sprechen Englisch mit Andreas Lagerstedt. Noch. Der Schwede ist der Mann für den guten Geschmack, der Qualitätsmanager, Kaffeetrinker von berufswegen.

200 Tassen am Tag kann ein Profi wie er verkosten: Ein Löffelchen Kaffee auf die Zunge. Einwirken. Ausspucken. Urteilen, wie er duftet, schmeckt und sich im Mund anfühlt. Der Nächste, bitte! Die Prozedur gleicht der Kunst des Sommeliers. Nur mit einem Unterschied, wie Andreas Lagerstedt erklärt: Beim Wein gibt es 200 Aromen, beim Kaffee sind es an die 900. Je nach Sorte. Je nach Anbaugebiet. Je nach Verarbeitung, Mischung, Zubereitung… Mal schmeckt er eher fruchtig, zum Beispiel, wenn er aus Ostafrika kommt. Ein weicher Kaffee hingegen wird eher aus Südamerika stammen. Kaffee ist ein extrem komplexes Produkt, sagt Andreas Lagerstedt. "Ex tremly complex." Und genau darum braucht es dieses "Fingerspitzengefühl, auf Schwedisch Finkänslighet" und "Training, Training, Training".

Hat der Kenner denn einen Lieblingskaffee? Gar nicht dran zu denken. Könnte denn ein Weinfreund einen Lieblingswein küren? Oder eine Frau ein Lieblingskleid? Nach einem Fischessen zum Beispiel würde der Feinschmecker auf jeden Fall einen anderen Kaffee empfehlen als zu einem süßen Dessert. Am frühen Morgen braucht er unbedingt einen extrastarken Espresso, im Verlauf des Vormittags dann einen leichteren Dallmayer.

Schon mit 13 konnte sich Andreas Lagerstedt für alles begeistern, was den Gaumen erfreut. Er spricht von "Passion", einer Leidenschaft für Speisen, Gerüche, Aromen, Gewürze. Nach der Schule wurde er Koch. Während seines Militärdienstes kochte er unter anderem für schwedische Blauhelme auf Friedensmission im Kosovo. Schon mit Anfang 20 hatte er etliche Restaurant-Stationen hinter sich und stellte sich die Frage nach dem nächsten Schritt. Er wollte nicht mehr nur wissen, was wie zusammen schmeckt und zubereitet wird, sondern auch warum. Also ging er an die Universität, um Lebensmitteltechnologie zu studieren. 2006 fing er bei Nestlé Schweden an. Nur ein Jahr später wurde er der jüngste Qualitätsmanager im Unternehmen - mit gerade 26 Jahren.

Für die kommenden drei Jahre hat ihn sein schwedischer Arbeitgeber nach Deutschland entsandt. Das Vorhaben in Schwerin verspricht einen ordentlichen Erfahrungsgewinn. Natürlich musste Ehefrau Louise zustimmen. Sie ist ebenfalls Lebensmitteltechnologin und als Qualitätsexpertin bei einer schwedischen Firma für mexikanische Spezialitäten beschäftigt. Für "uns in Schweden" ist Gleichberechtigung eine Selbstverständlichkeit, wie Andreas Lagerstedt erklärt. Zum Glück kam am 4. April das erste Kind des Ehepaares zur Welt - Julius, benannt nach einem Opa väterlicherseits. So fallen Babypause und Auslandsstation zusammen und die Familie richtete sich in der Schweriner Altstadt einen Zweitwohnsitz ein: Nur sechs Stunden liegen zwischen ihren Haustüren in Südschweden und Norddeutschland.

Mit ihrem Julius werden die Eltern also in Schwerin das Laufen lernen, und selbst die deutsche Sprache. Andreas Lagerstedt hat schon eines der schwersten deutschen Worte ausgemacht: Eichhörnchen, was auf schwedischer Zunge zu einem "Eischherschen" aufweicht. Bevor im Nestlé-Werk Schwerin sein sensorisches Fingerspitzengefühl gebraucht wird, wird noch gut ein Jahr ins Land ziehen. Ab Ende 2013 soll die Produktion starten. Bis dahin hilft der Schwede dabei, alles so einzurichten, dass er nur die besten Qualitätsurteile fällen kann.

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