Arbeitsminister Glawe im Interview : 200 Stellen für die Bürgerarbeit

Startet neue Qualifizierungsoffensive: Arbeitsminister Harry Glawe
Startet neue Qualifizierungsoffensive: Arbeitsminister Harry Glawe

Zuwanderung bietet die Chance, offene Stellen schneller oder überhaupt zu besetzen, sagt Arbeitsminister Glawe im Interview

svz.de von
31. Mai 2017, 05:00 Uhr

Vom Arbeitsmarkt in MV wird ein Monatsrekord nach dem anderen gemeldet: 25 000 Langzeitarbeitslose können davon in MV noch nicht profitieren. Das neue Programm Bürgerarbeit soll ihnen neue Perspektiven geben, sagt Wirtschafts- und Arbeitsminister Harry Glawe (CDU) im Gespräch mit Torsten Roth.

Zu Ihrem Amtsantritt 2011 haben Sie prophezeit, dass sich die Arbeitslosenzahl in fünf Jahren in MV von damals 107 000 auf 70 000 senken lasse. Fünf Jahre sind um, das Ziel nicht erreicht: Haben Sie den Mund zu voll genommen?
Glawe: Ich habe die Zahl bewusst gesagt und als Ansporn an meine Arbeit verstanden. Jetzt scheint das Ziel erreicht. Erstmals werden wir in der Landesgeschichte wohl heute sogar unter die Marke von 70 000 Arbeitslosen sinken.

Alles politikgemacht oder einfach Ergebnis der guten Konjunktur?
Es ist eine Mischung aus beidem. Die Politik gibt die Rahmenbedingungen vor. Die CDU hat seit 2006 die Wirtschaftspolitik konsequent auf den ersten Arbeitsmarkt ausgerichtet. Die Förderung wird angenommen. Unternehmen siedeln sich an und erweitern. Wir sind für internationale Investoren attraktiver geworden. Das wäre vor Jahren kaum denkbar gewesen.

Wann knacken wir die 60 000er-Marke?
Entscheidend ist, wie viele Menschen wieder in Arbeit kommen. In den vergangenen 10 Jahren sind 50 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden. Die Entwicklung hängt sehr von der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung ab.

Glänzende Arbeitsmarktzahlen in MV: Mehr als 25 000 Langzeitarbeitslose können davon nicht profitieren. Warum gelingt es nicht, sie in Jobs zu bringen?
Da kommen oft mehrere Dinge zusammen: Ausbildung, persönliche Umbrüche im Leben sowie die Lebenssituation. Wichtig ist, sich nicht aufzugeben. Zudem konnten auch hier Erfolge erreicht werden. Die Anzahl langzeitarbeitsloser Personen hat sich binnen eines Jahres um rund 5000 verringert. Außerdem wollen wir mit unserem Programm der Bürgerarbeit Anreize geben.

Die Bürgerarbeit soll Linderung bringen – gemeinnützige Arbeit. Was ist geplant?
Mit der „Bürgerarbeit“ ist geplant, dass wir gemeinsam mit den Jobcentern in diesem Jahr 200 Arbeitsplätze für arbeitsmarktferne Langzeitarbeitslose schaffen wollen. So haben wir die Möglichkeit, Menschen in der Grundsicherung wieder eine Perspektive zu geben. Neu ist, dass nicht nur gemeinnützige Arbeitgeber, wie Kommunen oder kommunale Gesellschaften aktiv sein können, sondern auch gewerbliche Anbieter auf dem ersten Arbeitsmarkt. Auch Unternehmen können davon profitieren.

Arbeitslos statt Integration: Es gelingt kaum, Flüchtlinge in Arbeit zu bringen. Wie wollen Sie helfen?
Die erste Hürde ist es zurzeit, Sprachbarrieren zu nehmen. In einem nächsten Schritt müssen die Flüchtlinge aber den Weg in die Unternehmen finden. Wir sollten die Zuwanderung von geflüchteten Menschen noch mehr als Chance begreifen. Da ist auch die Möglichkeit, offene Stellen schneller oder sogar überhaupt besetzen zu können. Unternehmer bekommen bei der Einstellung von geflüchteten Menschen beispielsweise Unterstützung durch vom Wirtschafts- und Arbeitsministerium finanzierte Joblotsen. Sie sollen Berater und Betreuer von Arbeitgebern bei allen Fragen der Einstellung und Beschäftigung von geflüchteten Menschen sein.

Für den Sommer haben Sie eine Qualifizierungsoffensive angekündigt. Was ist geplant?
Wir wollen künftig die Weiterbildung der Beschäftigten des verarbeitenden Gewerbes und Teile des Handwerks unterstützen. Dabei bleibt die bewährte Förderung der Weiterbildung von Mitarbeitern mit Bildungsschecks aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) erhalten. Förderfähig ist darüber hinaus der ganze Prozess der Fachkräftesicherung und -qualifizierung. Ergänzend werden kleine und mittlere Betriebe des verarbeitenden Gewerbes bei der Ersteinstellung von Hochschulabsolventen mit technischem Hochschulabschluss in den ersten beiden Jahren unterstützt.

Im Fachkräftebündnis ist mit den Sozialpartnern vereinbart, die Tarifbindung in MV zu erhöhen. Noch flüchten die Arbeitgeber aber eher aus Tarifverträgen. Ist es nicht Zeit, die Gangart gegenüber der Wirtschaft zu verschärfen?
Das Thema ist insgesamt eine spannende Diskussion. Was mich daran stört, ist die oft leichtfertig daher gesagte „Kriminalisierung“ der Unternehmer im Land. Das Geld muss erstmal erwirtschaftet werden. Viele Unternehmen haben oft weniger als zehn Angestellte. Grundlage des Erfolgs sind volle Auftragsbücher. Dafür muss alles getan werden. Ich denke, dass sich einiges künftig durch die wachsende Fachkräftenachfrage regeln wird. Da wird es immer mehr darum gehen, anständige Löhne zu zahlen.
 

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