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Mehr Opfer als im Straßenverkehr : 177 Tote bei Unfällen im eigenen Haus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In MV sterben deutlich mehr Menschen bei der Hausarbeit als im Straßenverkehr

von
erstellt am 16.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Tödliche Risiken im Haushalt werden häufig unterschätzt. Nach den jüngsten vorliegenden Zahlen kamen 2015 in Mecklenburg-Vorpommern 177 Menschen durch Unfälle bei der Hausarbeit ums Leben. Das waren deutlich mehr Unfalltote als im Straßenverkehr, wo im selben Jahr 93 Personen starben. Wie das Statistische Amt in Schwerin auf Anfrage unserer Redaktion weiter mitteilte, waren von den 177 tödlich verunglückten Personen 102 Frauen und 75 Männer.

Stürze sind mit 156 Fällen die häufigste Todesursache. Besonders ältere Menschen fallen etwa beim Fensterputzen oder beim Anbringen der Gardinen von der Leiter oder beim Staubwischen vom Stuhl. Gefährlich können auch Treppenstufen werden. Allein 12 Männer und 2 Frauen verloren 2015 ihr Leben bei Treppenstürzen im eigenen Haus.

Weitere Todesursachen sind elektrische Stromschläge, durch die zwei Männer ums Leben kamen. Fünf Menschen starben nach Vergiftungen etwa mit Reinigungsmitteln.

„Tödlichen Unfälle im Haushalt werden in der Öffentlichkeit weniger stark wahrgenommen, weil sich die Katastrophe im Privaten und Verborgenen abspielt“, sagt die Geschäftsführerin des Vereins „Das sichere Haus“, Susanne Wölk. Der Verein engagiert sich unter anderem bei der Unfallverhütung.

Woelk geht davon aus, dass die Zahl der tödlichen häuslichen Unfälle in den kommenden Jahren weiter steigen wird. „Hauptgrund für die Entwicklung ist das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung“, so Woelk. Ältere Menschen sind durch das nachlassende Reaktionsvermögen und die schwindende Muskelkraft anfälliger für Unfälle in den eigenen vier Wänden. In Mecklenburg-Vorpommern sind 82 Prozent der Verunglückten älter als 70 Jahre. Der Verein „Das sichere Haus“ fordert mehr Aufklärung über die Risiken im Haushalt.

Bundesweit kamen 9815 Menschen 2015 bei Unfällen in der Wohnung ums Leben – das waren knapp 800 mehr als noch im Jahr zuvor.

Kommentar von Thomas Volgmann: Tödliches Risiko Haushalt

Makabere Witzeleien über Haushaltsunfälle gibt es einige: Spühl mir das Lied vom Tod, zum Beispiel. Oder, Hochglanz kommt vor dem Fall. Unwillkürlich denkt man an Ungeschicklichkeit und Putzfimmel. Betrachtet man die Fakten allerdings genauer, vergeht einem das Lachen sehr schnell.

Schon allein die Zahl von 177 Toten nur im Jahr 2015 in Mecklenburg-Vorpommern ist schockierend. Außerdem, von den 177 Todesopfern häuslicher Unfälle waren 109 über 80 Jahre alt. Es sind also vor allem ältere Menschen, die sich ihre Selbstständigkeit in den eigenen vier Wänden bewahren wollen oder müssen und dabei tragisch scheitern.

Dabei sind die Risiken in Mecklenburg-Vorpommern größer als in anderen Bundesländern. Denn Unterstützung für Senioren im Haushalt ist seltener, wenn die nächsten Angehörigen nicht in der Nähe wohnen, was in einem dünnbesiedelten Land häufiger der Fall ist. Hinzu kommt, dass in keinem anderen Bundesland so viele Menschen allein leben. 41 Prozent aller Wohnungen sind inzwischen Singelhaushalte. Und der Anteil wächst mit dem steigenden Durchschnittsalter der Bevölkerung. Damit erhöht sich allerdings auch das Risiko, dass nach einem schweren häuslichen Unfall niemand da ist, der hilft. Manchmal liegen Verletzte tagelang in ihrer Wohnung, ohne dass ihnen geholfen wird, berichtet Susanne Woelk, vom Verein „Das sichere Haus“.

Der Appell geht an die Senioren selbst. Sie können zuallererst das Risiko minimieren, wenn sie einsehen, dass manche Dinge nicht mehr möglich sind und dafür Hilfe organisiert werden muss.

Doch auch die Gesellschaft ist gefordert. Präventionsprojekte zur Vermeidung häuslicher Unfälle gibt es in Mecklenburg-Vorpommern nicht. Aufklärung? Eher selten. Dabei zeigen andere Bereiche, dass vielfältige Initiativen durchaus zur Vermeidung tödlicher Unfälle führen. So waren 2005 im Land noch 198 Verkehrstote zu beklagen. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 89 Tote. Dank besserer Sicherheitstechnik in Fahrzeugen, Leitplanken und Aufklärungskampagnen.

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