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Analphabeten : 150 000 Erwachsene in MV können kaum lesen

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Etwa 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland können weder richtig lesen noch schreiben. In MV sind rund 150 000 Männer und Frauen zwischen 18 und 64 Jahren Analphabeten.

svz.de von
erstellt am 07.Jul.2013 | 09:57 Uhr

Schwerin | Sie hätten die Brille vergessen oder zu Hause mehr Ruhe zum Ausfüllen eines Formulars - das sind häufige Ausreden von Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Etwa 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland können einer Studie der Universität Hamburg zufolge weder richtig lesen noch schreiben. "In Mecklenburg-Vorpommern sind rund 150 000 Männer und Frauen zwischen 18 und 64 Jahren funktionale Analphabeten", sagte die Vorsitzende des Volkshochschulverbandes, Ines Schmidt. Die Volkshochschulen machten rund 90 Prozent der Alphabetisierungs- Angebote. Viele Träger hielten sich zurück: "Geld ist damit nicht zu verdienen", sagte Schmidt. Die Gebühren seien äußerst gering.

Die Bundesregierung hat eine Kampagne gestartet. "Lesen & Schreiben - Mein Schlüssel zur Welt" hat das Bundesbildungsministerium die Initiative genannt, mit der es auf das Problem und auf Hilfsangebote aufmerksam macht. Am Dienstag wird in Neubrandenburg die multimediale Ausstellung der Kampagne eröffnet.

Dazu ist eine Diskussionsrunde mit Bundesministerin Johanna Wanka (CDU) geplant.

Schmidt zufolge beherrschen mehr Männer (60 Prozent) als Frauen (40 Prozent) das Lesen und Schreiben nicht. Ältere zwischen 50 und 64 Jahren machten 33 Prozent der Analphabeten aus, die Jüngeren zwischen 18 und 29 Jahren 20 Prozent. "Meine Interpretation ist, dass man Lesen und Schreiben verlernen kann", sagte die Verbandschefin. Wer nach der Schule kein Buch, keine Zeitung und keine Zeitschrift mehr in die Hand nehme, dem gingen die Fähigkeiten verloren, einen Text zu lesen und vor allem zu verstehen. Von den funktionalen Analphabeten hätten nur 19 Prozent keinen Schulabschluss, aber ebenso viele die Mittlere Reife und 12 Prozent einen höheren Schulabschluss. Mehr als die Hälfte von ihnen (57 Prozent) sei berufstätig, 17 Prozent seien arbeitslos.

Die Menschen für Kurse wie "Besser lesen und schreiben" zu gewinnen, ist Schmidt zufolge schwierig. Arbeitsagenturen und Jobcenter, Ärzte, Sozial- und Jugendämter seien aufgefordert, Analphabeten zu erkennen und zum Lesen- und Schreibenlernen zu bewegen. Oft würden sich Betroffene schämen. Viele hätten Strategien entwickelt, mit ihrer Schwäche klarzukommen. So werde etwa die vergessene Lesebrille ins Spiel gebracht. Etwa 1000 Menschen würden pro Jahr einen Kurs beginnen, sagte Schmidt. "Das ist ein Bruchteil derer, die betroffen sind." Ein Jahr reiche nicht, um Lesen und Schreiben zu lernen.

Den Anstoß für einen Kurs gäben oft Umbruchsituationen im Leben - etwa wenn die Kinder in der Schule Hilfe brauchen, bei einer neuen Partnerschaft oder einem Berufswechsel. Bei anderen fehle der Antrieb. "Wer den Genuss, ein Buch zu lesen, nie kennengelernt hat, vermisst ihn nicht", gab Schmidt zu bedenken.

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