DDR-Kult Reclam : 1380 schmale Buchrücken

Buchhändler Frank Weisleder vor der Bücherwand mit den Reclam-Bänden
Buchhändler Frank Weisleder vor der Bücherwand mit den Reclam-Bänden

Vollständige Privatsammlung von Reclam-Heften aus DDR-Zeit in Rostock. Frank Weisleder hat sie mehr als 20 Jahre gesammelt

svz.de von
15. Mai 2018, 12:00 Uhr

Immer wieder kommt es vor, dass Frank Weisleder jemandem einen Korb geben muss: Wenn wohlwollende Menschen ihm Reclam-Bände aus den vergangenen Jahrzehnten schenken möchten. Denn der Buchhändler aus Rostock-Warnemünde hat seine Sammlung abgeschlossen: 1380 Bände „Reclam Universalbibliothek“, die in der DDR zwischen 1963 und 1990 im Leipziger Reclam-Verlag erschienen sind.

„Das Besondere ist, dass sich in diesen Bänden fast alles findet und der Leser einen guten Überblick bekommt“, sagt Weisleder. „Ein guter Freund hat zu mir mal gesagt: ,Ein echter Mann sammelt etwas.’ Und da hab ich dann eben mit den Reclam-Heften begonnen. Bücher mochte ich ja.“

Neben seiner gebe es noch eine zweite vollständige Sammlung, die der frühere Verlagsleiter Hans Marquardt angelegt hat. Dessen Sohn Hans-Jochen ist nun in deren Besitz. Er ist Vorstand des Literarischen Museums in Halle/Saale und ist sich sicher, dass es keine dritte, vollständige Sammlung mit Reclam-Heften aus dieser Zeit gibt.

In Stuttgart, wo der einstige Leipziger Reclam-Verlag heute seinen Sitz hat, wertschätzt man die Leidenschaft Weisleders: „Ich freue mich über diese Präsentation, die ich mir gerne ansehen würde“, sagt Marketingleiter Karl-Heinz Fallbacher. „Es ist wirklich erstaunlich, welches Interesse der Geschichte des Reclam Verlags gerade jetzt wieder, nach dem 150-jährigen Jubiläum der Universalbibliothek, entgegengebracht wird.“

„Es ist Literatur aus fast allen Zeitepochen dabei“, sagt der 50-jährige Weisleder. Zwar suche man Autoren wie den Dramatiker Alexander Solschenizyn, den DDR-Regime-Kritiker Wolfgang Leonard oder den Intellektuellen Ernst Jünger vergebens. „Dass sich allerdings der Leiter des Berliner Ensembles, Heiner Müller, und der DDR-Dramatiker Volker Braun darin findet, hat mich doch sehr überrascht.“

Rund 20 Jahre habe es gedauert, bevor er vor ein paar Jahren die 1380 Bände „Reclam Universalbibliothek“ der Jahrgänge 1963 bis 1990 vollständig hatte. Weisleder musste vor wenigen Tagen wieder dankend ablehnen: Eine Warnemünderin wollte ihm ausrangierte Reclam-Hefte anbieten. „Aber das war die gelbe Reihe, die in Westdeutschland erschien. Mit denen hat meine Sammlung nichts zu tun.“

Weisleder selbst ist ein DDR-Kind, 1965 in Erfurt geboren und in Suhl aufgewachsen. Hier hat er seine ersten Bücher gelesen – „wunderbare, fantasievolle Geschichten“: Die sogenannte Smaragdenstadt-Reihe, Kinder-Märchenbücher des russischen Schriftstellers Alexander Wolkow. Mit zwölf Jahren begann Weisleder alle Jules-Verne-Bücher zu sammeln. Diese 30 Bücher gibt es heute noch – in einer Kiste auf dem Dachboden.

Anders die 1380 „Reclam Universalbibliothek“-Bände: Sie füllen eine Wand in der Galerie der kleinen Buchhandlung „Möwe“, nur wenige Meter entfernt von der Ostsee-Strandpromenade. Hinter blauen Einbänden findet sich Weltgeschichte, hinter roten Philosophie und hinter schwarzen Buchrücken Biografien wie die von Johannes R. Becher bis hin zum Komponisten Igor Strawinsky.

Bevor er 2007 seine „Möwe“ eröffnete, hatte er in Suhl erste Erfahrungen als Inhaber einer Buchhandlung gesammelt. Nach einem Jurastudium arbeitete er sechs Jahre als Anwalt für Arbeitsrecht und blieb unzufrieden: „Diese ständigen Streitsituationen wollte ich nicht ewig als Arbeitsalltag haben.“ Erst zwischen den Büchern fand Frank Weisleder sein Glück. Und in Rostock auch seine zweite Frau. Gerade ist er Vater von Zwillingen geworden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen