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Prozess : 13 Jahre Haft für brutalen Totschlag in Stralsund

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13 Jahre Haft, weil er einen Inder mit mehr als 20 Messerstichen tötete: Das Stralsunder Landgericht sah in dem Indizienprozess genügend Beweise für die Tat des 35-Jährigen. Anders als die Verteidigung. Sie kündigte Revision an.

svz.de von
erstellt am 06.Jul.2017 | 14:45 Uhr

Mit demonstrativer Gelassenheit nimmt der 35-jährige Mann am Donnerstag das Urteil im Landgericht Stralsund auf. Ein leichtes Lächeln huscht kurz über sein Gesicht, dann geht ein ungerührter Blick in den Gerichtssaal. Die Entscheidung der Strafkammer - 13 Jahre Haft wegen Totschlags - scheint ihn äußerem Anschein nach nicht sonderlich zu beeindrucken.  Woran mag er in diesem Moment denken? An die kurze Begegnung mit seiner Frau und eines seiner Kinder vor der Urteilsverkündung? Oder an den Nachmittag des vergangenen Heiligabend? Das Gericht ist überzeugt, dass er an diesem Tag einen 42-jährigen Inder in dessen Wohnung in Stralsund getötet hat.

Die Spuren am Opfer zeugen von einem brutalen Verbrechen: „Mit mehr als 20, wie eingestanzt wirkende, fast parallel gesetzte Messerstiche in die Herzregion, hat er sein Opfer getötet“, sagte die Richterin.

Dem folgt ein demonstrativer Kehlschnitt, der die Halsorgane bis auf die Wirbelsäule durchtrennt. Das Muster der Stiche spreche für eine ganz gezielte Tötung. Das Nachtatverhalten wertete die Richterin als „besonders brutal“.

Die Leiche des Inders, der seit mehreren Jahren in Stralsund lebte, wurde sechs Tage nach dem Verbrechen in dessen Wohnung gefunden. Der im bayrischen Kaufbeuren lebende Bruder hatte ihn als vermisst gemeldet.

Für die Tat gibt es keine direkten Zeugen, nur Indizien, die laut Gericht die Täterschaft des 35-jährigen Tschetschenen beweisen. „Die Anklage hat sich vollumfänglich bestätigt“, ist die Richterin überzeugt. Detail um Detail seziert sie die Widersprüche in den Angaben des Angeklagten aus der polizeilichen Vernehmung. Im Prozess selbst hatte der Mann geschwiegen. Als belastend gelten die gefundenen DNA-Spuren des Täters unter dem Fingernagel des Opfers.

Bei einer späteren Wohnungsdurchsuchung waren Laptop und Handy des Opfers bei der Frau des nunmehr Verurteilten gefunden worden. Gegen sie hat die Staatsanwaltschaft inzwischen ein Ermittlungsverfahren wegen Unterschlagung eingeleitet.

Zudem hatte ein Zeuge ausgesagt, dass er am frühen Nachmittag des Heiligabends zusammen mit dem späteren Opfer und dem Täter zusammengesessen habe. Als er nach einem Besuch eines anderen Bekannten wenige Stunden später wieder zurückkam, habe sein Freund die Wohnungstür nicht mehr geöffnet. Das Gericht sah keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser „mehrfach wiederholten, widerspruchsfreien und durch objektive Fakten bestätigten“ Zeugenaussage.

Warum es zu diesem Verbrechen kam, weiß das Gericht nicht. „Das lässt auch uns etwas unbefriedigt zurück“, sagte die Richterin. War es ein Streit um den Verkauf einer Hose, war es das Verlangen nach Laptop und Handy? Für den Verteidiger gibt es zu viele offene Fragen. Er geht davon aus, dass sein Mandant unschuldig ist. Noch im Gerichtssaal kündigte er Revision gegen das Urteil an. Damit wird die Entscheidung gegen den 35-Jährigen, der mit Frau und sechs Kindern 2013 nach Deutschland geflohen war, zunächst nicht rechtskräftig.  

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