Steigende Lebenserwartung : 120 Jahre bei bester Gesundheit

Im Labor: Doktorandin Janine Hinze (links) und Dr. Gisela Boeck gehen den Enzymen auf den Grund.
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Im Labor: Doktorandin Janine Hinze (links) und Dr. Gisela Boeck gehen den Enzymen auf den Grund.

Forscher suchen nach dem Jungbrunnen. Krankheiten frühzeitig erkennen und schonender behandeln.

svz.de von
28. Juli 2014, 12:00 Uhr

120 Jahre alt zu werden, das klingt erst einmal toll. Aber wenn einem das Alter oder Krankheiten zu schaffen machen, stellt sich die Frage, ob das Leben überhaupt noch lebenswert ist.

Dass Menschen immer älter werden, beschäftigt die Wissenschaft seit jeher. Schon im Mittelalter haben Alchimisten nach dem Jungbrunnen gesucht. Auch heute ist die Wissenschaft von dieser Wunschvorstellung fasziniert. Doch ein langes Leben ist längst nicht alles. Was nützt der dreistellige Geburtstag, wenn er aufgrund von Altersgebrechen und Krankheit nicht mehr richtig gefeiert werden kann? Wie viele Jahre einem Menschen bleiben, hängt nicht allein vom Zufall ab. Gesunde Ernährung und sportliche Fitness tragen bekannterweise zu einem nicht unerheblichen Teil dazu bei, lange körperlich gesund zu bleiben.

Doch wie das Leben darüber hinaus länger lebenswert bleiben kann, diskutieren Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen, darunter Biologen, Chemiker und Gen-Forscher. „Es geht nicht einfach nur darum, länger zu leben, sondern länger auf hoher Qualität leben zu können“, sagt Dr. Gisela Boeck. Die Wissenschaftlerin vom Institut für Chemie der Universität Rostock hat sich auf biotechnologischer Ebene mit dem Thema auseinandergesetzt. Darunter sind Natur- und Ingenieurwissenschaftliche Verfahren zu verstehen, die dazu beitragen, Krankheiten frühzeitig zu erkennen. „Durch solche Verfahren können Krankheiten bevor sie akut ausbrechen erkannt und schnell behandelt werden“, ergänzt Boeck.

So hat beispielsweise der renommierte Biotechnologe Prof. Dr. Reinhard Renneberg ein Schnell-Testverfahren entwickelt, mit dem Herzinfarkte frühzeitig erkannt werden können. Drei Tropfen Blut reichen aus, um auszuschließen, ob eine Herzinfarkt-Gefährdung besteht. Auch in der Früherkennung und Behandlung von Alzheimer ist die Forschung auf einem guten Weg.

In seiner Internet-Kolumne unter dem Titel „Biolumne“ beschreibt der Biotechnologe, wie die Entwicklungskurve des Menschen heute und in Zukunft aussehen wird. Bis zum 20. Lebensjahr befindet sich der Mensch in der Entwicklungsphase und erreicht im 30. Lebensjahr seinen Höhepunkt an Aktivität. Danach geht es steil bergab. „Mit 40 hat man nur noch 70 Prozent der maximalen Reserven, mit 60 gerade eben 20 Prozent. Die Kurve endet bei 0 mit 80 Jahren“, so Renneberg.

Durch die Anwendung biotechnologischer Verfahren könne die Kurve völlig verändert werden. Denn auf biotechnologischer Basis hergestellte Medikamente sind schonender für den menschlichen Organismus. Sie sind weniger schädlich für den Körper und bewirken weniger Nebenwirkungen. „Jedes Jahr erhöht sich die Lebenserwartung mit einem steigenden Anteil an Biotechnologie“, sagt Boeck. Das bedeutet, je mehr Verfahren zur Erkennung von Krankheiten zur Anwendung kommen, umso länger lebt der Mensch auf einem höheren Aktivitäts-Niveau. Laut Renneberg bleibe der Höhepunkt der Aktivität bei 30 Jahren. Danach ist aber nicht wie bisher ein starker Abfall der Kurve zu erkennen, sondern sie bleibt lange Zeit, bestenfalls bis zum 80. Lebensjahr, auf einem gleichbleibend hohem Niveau. Folglich bleiben Menschen länger gesund und können auch ein höheres Alter erreichen. Vielleicht sogar bald bis zu 120 Jahre.

Heute sind biotechnologische Verfahren zu einem wichtigen Wirtschaftszweig in Mecklenburg-Vorpommern geworden. „In den letzten Jahren etablierten sich zahlreiche biotechnologisch-medizinisch ausgerichtete Firmen“, sagt Boeck. Unter dem Titel Life Science beschäftigt sich beispielsweise die Initiative Biocon Valley damit, Biotechnologie, Biomedizin und Medizintechnik zu fördern.

Ihren Durchbruch fand die Biotechnologie in den Entdeckungen von Constantin Kirchhoff. Der 1764 in Teterow geborene Wissenschaftler entwickelte durch Zufall ein technisches Verfahren zur Herstellung von Zucker, welches zur damaligen Zeit ein seltenes Produkt war. „Er behandelte Stärke mit Säure und erhielt einen Zuckerersatzstoff“, so Boeck. Die Enzyme, die dafür verantwortlich waren, erkannte Kirchhoff jedoch noch nicht. Diese spielen heute in vielen Bereichen eine wichtige Rolle. So kommen sie zum Beispiel in der Käse- und Bierherstellung zum Einsatz. Enzyme steuern biochemische Prozesse wie die menschliche Verdauung und dienen als Informationsvermittler. Durch die Kenntnis dieser Informationen können Krankheiten frühzeitig erkannt werden. Aus diesem Grund sind Enzyme für die Biotechnologie von entscheidender Bedeutung. Beispielsweise befindet sich in den Teststreifen für Diabetiker ein Enzymsystem, welches unter Einwirkung von Blutzucker einen bestimmten messbaren Stoff produziert.

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