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Sumte : 1000 Flüchtlinge am „Arsch der Welt“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sumte, ein abgeschiedener Ort an der Elbe mit etwa 100 Einwohnern, soll 1000 Flüchtlinge aufnehmen. Bürger haben Sorgen und Ängste

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erstellt am 15.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Sumte im Amt Neuhaus: In gut 50 Sekunden ist man mit dem Auto durch, wenn man sich ans Tempolimit hält. Auf ihren rund 800 Metern schafft die Hauptstraße gerade drei Kurven, dann kommen wieder die Äcker und Alleen der flachen Elbmarsch. Den 100-Seelen-Ort, der bis 1993 zum Kreis Hagenow gehörte und der anschließend zum niedersächsischen Kreis Lüneburg wechselte, prägen schöne alte Bauernhöfe. Keine Kneipe, kein Laden, ein Discounter schon gar nicht. Am Ortseingang weiden Pferde, gegenüber steht ein verlassener Bürokomplex. Bis zu 1000 Flüchtlinge sollen dort einziehen, das hat das niedersächsische Innenministerium auf einer Bürgerversammlung bestätigt, als Notunterkunft für ein Jahr.

„1000 Flüchtlinge sind zu viel für Sumte“, sagte Ortsvorsteher Christian Fabel (CDU) auf der Bürgerversammlung. 200 bis 300 seien eine vertretbare Größe. „Der nächste Supermarkt ist in Neuhaus, das ist vier Kilometer entfernt – und das für tausend Flüchtlinge. Nahverkehr gibt es kaum, der Bus fährt nur selten – wir leben hier am Arsch der Welt.“

Dreimal am Tag fährt der Bus nach Neuhaus, wie ein Blick auf den Fahrplan zeigt, fünfmal am Tag nach Neu Bleckede. Von da geht es mit der Fähre ans andere Ufer der Elbe, wenn sie denn fährt.

Auf der Bürgerversammlung hatte Christian Fabel viele Fragen. Was ist mit der Sicherheit? Wird die Polizei aufgestockt? Wie sieht es mit Infotafeln für Verhaltensregeln aus? Wo sollen die Flüchtlinge einkaufen? Wie kommen sie dorthin? Was ist mit der Müllversorgung? Funktioniert das LTE-Netz noch, wenn die Flüchtlinge da sind?

Die Stimmung war geladen, die Spannung spürbar, doch abgesehen von einigen Zwischenrufen offensichtlich Rechter, bliebe es ruhig und fast immer sachlich. „Ich sehe, dass sie hier vor allem Bedenken und Sorgen haben“, erkannte Alexander Götz vom niedersächsischen Innenministerium schon früh. „Gegenwärtig muss das Land Niedersachsen pro Tag 1500 Flüchtlinge unterbringen.“ Götz weiter: Wir prüfen parallel bis zu 40 Standorte. Schon früh war klar, dass die Sache eigentlich schon entschieden ist.

Das Murren im völlig überfüllten Saal legt sich nicht. Die Polizei wird später von bis zu 600 Leuten ausgehen, die sich in und um das Hotel Hannover versammelt hatten. Der Polizeichef für die drei Kreise Lüneburg, Lüchow-Dannenberg und Uelzen, Hans-Jürgen Felgentreu, rückt in den Mittelpunkt des Interesses. Und er machte sich gleich unbeliebt im Saal, weil er eine lückenlose Präsenz der Polizei nicht versprechen kann und will. Auch die Antwort auf die Frage nach der Kooperation mit den Polizeikollegen in Mecklenburg-Vorpommern bleibt mit dem Verweis auf den Staatsvertrag vage. Und jeder im Saal weiß, dass die Polizei in Boizenburg und mit dem Erstaufnahmelager in Horst genug zu tun hat.

Derweil stoßen im Schweriner Innenministerium die niedersächsischen Pläne auf Unverständnis. „Ich verstehe nicht, warum ich erst aus den Medien erfahren muss, dass in Sumte tausend Flüchtlinge untergebracht werden sollen“, ärgerte sich Innenminister Lorenz Caffier (CDU. Durch die geografische Lage von Sumte direkt an der Landesgrenze und durch die Trennung des Amtes Neuhaus vom Mutterland Niedersachsen durch die Elbe ist Mecklenburg-Vorpommern von der Entscheidung in Hannover direkt betroffen. Gerade in dieser für alle schwierigen Situation sei eine bessere Kommunikation auf Länderebene wünschenswert.

Das wünscht sich auch die Gemeinde Amt Neuhaus und ihre Bürgermeisterin Grit Richter, die die Versammlung mit dem Satz eingeleitet hatte: „Ich bin auch nicht in großem Maße informiert.“

Jan Meier vom Arbeitersamariterbund startete einen energischen Versuch, die Menschen im Saal von ihren Ängsten zu lösen, indem er über seine Erfahrungen aus einem anderen Lager berichtete. Doch das wollte schnell niemand hören, zumal auch klar wurde, dass Meier das Objekt in Sumte noch nicht einmal von innen gesehen hatte.

Unterdessen gibt es einige wenige Bürgermeister auch im benachbarten Mecklenburg-Vorpommern, die sich ausdrücklich dagegen wehren, Flüchtlinge in ihren Gemeinden aufzunehmen. So in Börgerende-Rethwisch bei Rostock, wo Bürgermeister Horst Hagemeister (CDU) sagt, er habe nichts gegen Asylbewerber, aber er wolle sie nicht in seinem Ort unterbringen. Kay-Uwe Neumann, Sprecher des Landkreises Rostock, sagte gegenüber unserer Redaktion: „Es gibt meines Wissens derzeit überhaupt keine konkreten Pläne, Flüchtlinge in Börgerende-Rethwisch unterzubringen.“ Allerdings könne man den Satz des Bürgermeisters nicht so stehen lassen. Für die kommenden Tage sei ein Gespräch zwischen der Landkreisverwaltung und dem Bürgermeister geplant. In der Solidargemeinschaft werde es keine Ausnahme für die Gemeinde Börgerende-Rethwisch geben.

Kurz vor der Versammlung in Sumte hatte Ortsvorsteher Fabel noch mit Journalisten vorm Bürodorf am Ortseingang gesprochen. Was er von der Flüchtlingspolitik seiner Parteivorsitzenden, Bundeskanzlerin Angela Merkel halte, fragte einer. Fabel schaute kurz nach oben in den klaren Herbsthimmel. „Ich hoffe, dass sie etwas weiß, was ich nicht weiß“, sagt er dann diplomatisch.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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