Arbeit der Friedhofsgärtner hat sich geändert : 1,80 Meter zur letzten Ruhe

Dauergrüne Pflanzen sind wegen des geringen Pflegeaufwandes als Grabschmuck besonders beliebt. Lanin
Dauergrüne Pflanzen sind wegen des geringen Pflegeaufwandes als Grabschmuck besonders beliebt. Lanin

Zwergmispel statt Efeu, Urnenpark statt Grabstelle: Die Arbeit der Friedhofsgärtner hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Das weiß auch Sebastian Schröder.

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14. September 2012, 08:41 Uhr

Neubrandenburg | Ein Mensch lebt achtzig Jahre. Ein Grab entsteht in einer Stunde und ein Augenblick reicht manchem zum Sterben. Sebastian Schröder hält die Luft an, beugt sich nach vorn und sieht seinen Azubi fragend an. Auf der saftigen Muttererde sinken die Stützen seines Baggers tief ein. Doch der Friedhofsgärtner gleicht die Schwankungen gekonnt aus. Knapp eintausend Stunden hat er an den Hebeln verbracht und fast ebenso viele Gräber mit der Baggerschaufel ausgehoben. Dicht vor seinem Bagger liegt ein toter Winkel, in dem er nichts sehen kann. Der Azubi muss per Handzeichen dirigieren. Ein Grab hat Schaufelbreite und ist 1,80 Meter tief, egal wer später darin liegt. "Ob Bürgermeister, Sportweltmeister, Firmenboss oder einfacher Lagermann, zu uns kommen sie alle und wir behandeln sie alle gleich", erklärt Schröder vom Bagger herab.

Das Grab, das er und sein Mitarbeiter Daniel Voß auf dem Neuen Friedhof in Neubrandenburg ausheben, wird morgen für eine Beisetzung gebraucht. Da das Nachbarareal aber schon als Doppelgrab reserviert ist, lassen sie die üblichen 75 Zentimeter Extraabstand. "Beim Ausheben kann es immer wieder vorkommen, dass man auf alte Leichen- oder Sargteile trifft", warnt der Friedhofsgärtner. Das Prozedere dann? Langsam und vorsichtig werden alle Teile zusammengesucht und tiefer unter dem neuen Grab in die Erde gebracht. Das Einzige, was die beiden heute im Boden finden, ist der verrostete Henkel eines verrotteten Sarges. Die skurrilsten Funde auf den Neubrandenburger Friedhöfen, auf denen insgesamt 22000 Gräber zu finden sind, sind bisher Wodkaflaschen und schweres Werkzeug gewesen. "Einer wurde hier mal samt Motorradauspuff beerdigt, den werden wir sicher auch irgendwann wieder finden." Mit den Jahren verschieben sich die Gräber auf alten Friedhöfen. "Heute sind wir genau zwischen zwei alten, wie es aussieht", sagt Schröder und meint, dass dies die Arbeit etwas erleichtert. Je tiefer sie graben, desto lehmiger wird die Erde. Die Schaufel schnappt auf und zu, weil der Boden brockenhafter wird, weil der Bagger nicht schlingt, sondern vorsichtig kaut. Mit stählernen Kästen sichern die Friedhofsgärtner die Seitenwände, der fünf Meter entfernte Erdhügel wird mit einem grünen Teppich abgedeckt.

"Friedhofsgärtnern ist eine Spezialisierung der ganz normalen Gärtnerei wie Ziergärtner oder Gala-Bauer", erklärt Schröder, während er vom Bagger steigt. Die letzten Schaufeln holt der Azubi raus, um unter Anleitung das Baggern zu üben. Zur Arbeit der beiden gehört nicht nur das Grabausheben, sondern die gesamte gärtnerische Pflege des Grabumfeldes. "Rasen mähen, Hecken schneiden, Stellen ausbessern", zählt er auf. Hinzu kommt die Erhaltung und Pflege der Kriegsgräber und der Denkmäler auf dem Gelände. "Und die Arbeit wird mehr, nicht weil mehr Menschen sterben als früher, sondern weil viele heute eine Urnenbestattung wollen", sagt der Neubrandenburger. Zur Erdbestattung musste man früher eine Pflege durch die Friedhofsgärtner fakultativ dazubuchen, wenn man sich selbst nicht kümmern konnte oder wollte. Eine Doppelparkstelle kostet pro Saison zum Beispiel 450 Euro. Bei der Urnenbestattung, die zumeist anonym vonstattengeht, ist die Pflege für zwanzig Jahre im Preis von einmalig 770 Euro inbegriffen. Schröder zieht eine Karte aus der Tasche und zeigt eine große Fläche. "Das ist so ein Park. Hier kann ich drei unserer Leute hinschicken und die brauchen eine Woche, bis sie alles tipptopp haben."

Als Grabschmuck sind wegen des geringen Pflegeaufwandes dauergrüne Pflanzen am beliebtesten. "Aber wo früher Efeu wuchs, pflanzen die Leute heute Zwergmispeln, auch Cotoneaster genannt", erläutert Schröder und schickt Daniel Voß ins Grab hinab. Der Azubi guckt samt seiner Schippe nur ab und an hoch, sticht jetzt die Kanten und Ecken gerade aus und legt dann eiserne Laufgitter übers Loch. Eines der Gitter dreht er auf Anweisung um, damit bei der Feier die schönere Seite vorn ist. Sebastian Schröder klopft den Spaten am Bagger ab und fragt: "Wissen Sie eigentlich, warum man die 1,80 tief macht?" Er wartet und verrät dann, dass Wildtiere in dieser Tiefe die Leichen nicht mehr wittern können. "Eine alte Regel, die auf dem Friedhof heute noch gilt."

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