1,2 Millionen "Karteileichen"

Karikatur: Philip Hubbe
Karikatur: Philip Hubbe

von
31. Mai 2013, 07:55 Uhr

Berlin | Das am dünnsten besiedelte Bundesland hat noch weniger Einwohner als angenommen. Die erste gesamtdeutsche Volkszählung zum Zensus 2011 ergab für den Nordosten 1 609 982 Bewohner, wie das Statistische Amt gestern mitteilte. Das waren 27 835 Menschen oder 1,7 Prozent der Bevölkerung weniger, als bislang durch Fortschreiben der Daten seit der letzten DDR-Volkszählung von 1981 ermittelt worden waren. In Mecklenburg-Vorpommern leben nur zwei Prozent der Deutschen. Je Quadratkilometer zählt das Land zwischen Elbe und Ostsee lediglich 69 Menschen, der Bundesdurchschnitt liegt bei 225 Einwohnern pro Quadratkilometer.

2011 waren im Nordosten nur 13,4 Prozent der Menschen jünger als 18 Jahre, während im bundesdeutschen Durchschnitt noch 16,4 Prozent der Einwohner Kinder waren. Demgegenüber waren 22,1 Prozent der Mecklenburger und Vorpommern bereits über 65, im Bundesmittel hingegen lediglich 20,6 Prozent. Christoph Slangen sprach mit Professor Gert G. Wagner, Vorsitzender der Zensuskommission der Bundesregierung, über die Ergebnisse der Volkszählung.

Ist das Ergebnis eine Überraschung für die Statistiker?

Nein. Es war völlig klar, dass in den Melderegistern zu viele Menschen registriert sind. Die Statistiker haben mit 1,2 Millionen Menschen weniger gerechnet, als offiziell gemeldet sind.

Wie kommen „Karteileichen“ in den Einwohnermelderegistern zustande?

Wer in Deutschland umzieht oder ins Ausland wegzieht, meldet sich nicht unbedingt ab. Manche vergessen es, für andere gibt es einen Anreiz, gemeldet zu bleiben: Wer als Ausländer aus einem Drittstaat eine Aufenthaltesberechtigung hat, die nur so lange gilt, wie er hier wohnt, meldet sich vorsichtshalber nicht ab, wenn er wieder ins Ausland wechselt und nicht weiß, ob er für immer dort bleiben will.

Haben auch die Städte ein Interesse daran, möglichst viele Einwohner vorweisen zu können?

Städte und Gemeinden haben ein Interesse an möglichst großen Einwohnerzahlen. Die Zuweisungen aus dem Finanzausgleich hängen von der Zahl der Einwohner ab, so dass man lieber mehr als weniger Bevölkerung hat.

Welche Auswirkungen ergeben sich aus dem Datenmaterial für die Politik?

Es gibt jetzt eine bessere Grundlage für den Finanzausgleich. Das muss umgesetzt werden. Insgesamt hat der Zensus keine überraschenden Ergebnisse geliefert. Die Alterspyramide verändert sich durch die neuen Daten nicht. Auch die Verteilung der Bildungsabschlüsse haben wir vorher bereits gut erfasst.

Datenschützer fürchten durch solche umfassenden Erhebungen den gläsernen Bürger. Ist die Furcht berechtigt?

Nein, ganz und gar nicht. Beim Zensus wurde ja kein Zentralregister über Einzelpersonen angelegt, sondern es wurden statistische Daten gesammelt. Die Originaldaten werden gelöscht. Damit wir in Zukunft mit noch geringerem Aufwand verlässliche Daten erhalten, sollte man zum Beispiel den jährlichen Mikrozensus von einem Prozent auf 2,5 Prozent der Bevölkerung ausweiten. Und das Meldewesen sollte von den Städten- und Gemeinden so verbessert werden, dass man die Bevölkerungszahl, Alter und Geschlecht ohne große Fehler aus den Melderegistern und anderen Registern, etwa der Bundesanstalt für Arbeit, ableiten kann. Eine breite und offene Diskussion darüber sollte sofort beginnen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen