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Brandenburg

14. Dezember 2017 | 20:16 Uhr

Hybriden : Zwischen Wolf und Hund

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Jäger befürchten, dass durch Brandenburgs Wälder gefährliche Mischlinge streifen. Die These ist umstritten

svz.de von
erstellt am 04.Aug.2017 | 21:00 Uhr

In Brandenburg kommt es offenbar immer öfter zu Begegnungen zwischen Menschen und Wölfen. Jäger schlagen Alarm: Bei den Tieren könnte es sich um Hybriden handeln – um Mischlinge zwischen Wolf und Hund, die ein ernsthaftes Problem seien. Gentests stärken den Verdacht.

Es geschah am helllichten Tag: Wie gewohnt geht Claudia Rauch* an diesem Novembermorgen mit ihrem Hund in einem Waldstück im Süden Brandenburgs spazieren. Sie hat das Tier nicht angeleint; plötzlich ist der Altdeutsche Hütehund verschwunden. Als er einige Minuten später zu seiner Halterin zurückkehrt, wird er von einem Wolfsrudel verfolgt, das jetzt nur wenige Meter von Claudia Rauch entfernt Halt macht. „Ein Schockmoment“, sagt die 47-Jährige, die ihren richtigen Namen und genauen Wohnort nicht in der Zeitung lesen will. Sie hegt keinen Zweifel daran, dass ihr Hund schon ausgemachte Beute war. „Es war ein großer Fehler, ihn unangeleint mit in den Wald zu nehmen“, räumt Claudia Rauch ein. Mit ihrem Hund an der Seite habe sie sich umgedreht und sei einfach gegangen. Die Wölfe – geschätzt zwölf Tiere – seien ihr zuerst ein paar Schritte gefolgt, dann aber wieder im Wald verschwunden.

Von solchen Begegnungen hört der Landesjagdverband Brandenburg seit einiger Zeit immer wieder im ganzen Land, wie Präsident Dirk Wellershoff betont. „Wer regelmäßig in Brandenburger Wäldern unterwegs ist, begegnet früher oder später einem Wolf“, prophezeit er. Erschreckend an Augenzeugenberichten sei, dass die Tiere dem Menschen mitunter bedrohlich nahe kämen. „Viele Wölfe scheinen die übliche Scheu vor dem Menschen verloren zu haben“, sagt Wellershoff. Die Diskussion zum Umgang mit einzelnen Problemwölfen hält er für überholt. Er geht davon aus, dass zwischen Elbe und Oder ganze Problemrudel leben.

Das neugierige Verhalten sei hundeähnlich und ein klares Indiz dafür, dass die nach Deutschland eingewanderten Wölfe in Wahrheit Mischlinge aus einer Kreuzung von Wolf und Hund sind, meint der versierte Jäger. Freilebende Hybriden würden Menschen gegenüber nicht nur weniger Scheu zeigen, sondern neigten auch eher zu aggressivem Verhalten, warnt Wellershoff.

Die These ist überaus umstritten. Sie hatte auch im Fall des im Vorjahr in Niedersachsen erschossenen Problemwolfs „Kurti“ für Aufmerksamkeit gesorgt. Damals hatten namhafte Wissenschaftler auf auffällige Abweichungen in der äußeren Gestalt wie Fellfärbung, Skelett, Schwanzlänge oder Beinstellung zum Europäischen Wolf hingewiesen. Bei anderen Experten stößt die These hingegen auf deutlichen Widerspruch.

Den offiziellen Beleg, ob es sich um reinrassige Wölfe handelt, liefert in Deutschland das Senckenberg-Institut. Dort werden zum Beispiel überfahrene Tiere genetisch untersucht. An Haaren, Kot oder anderen Spuren analysieren die Wissenschaftler die DNA und erlangen so Kenntnisse über Rudelstrukturen, Wanderbewegungen und den Hybridisierungsgrad der Tiere. Sie würden die DNA aber mit neuer Wolfsgenetik der frühen 2000er-Jahren von Tieren aus der Lausitz vergleichen, kritisiert mancher Wolfsexperte, der anzweifelt, dass es sich dabei um reinrassige Wölfe handelte. Auch Wellershoff fordert, zum Abgleich Genmaterial vom Sibirischen Wolf heranzuziehen.

In den 2000er-Jahren gab es einen Mischlingswurf einer Fähe aus dem ersten deutschen Wolfsrudel in Sachsen mit einem Schäferhund. Seitdem hätten Untersuchungen am Senckenberg-Institut keine Hinweise auf frei lebende Hybriden ergeben, teilt Brandenburgs Umweltministerium mit.

„Aus Artenschutzgründen werden Wildtier-Haustier-Mischlinge in der Regel aus der Natur entfernt, um eine Ausbreitung der Haustiergene in der Wildpopulation zu verhindern“, heißt es beim Kontaktbüro „Wölfe in Sachsen“. Da Mischlinge rechtlich gesehen dem strenger geschützten Elterntier gleichgestellt sind – in diesem Fall dem Wolf – sei für ihre Entnahme eine naturschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung erforderlich. Ein höheres Gefährdungspotenzial für Menschen gehe durch Hybriden nicht aus, sagt ein Sprecher des Brandenburger Umweltministeriums.

In Brandenburg hatte Umweltminister Jörg Vogelsänger (SPD) erst vor einigen Wochen den Entwurf einer Wolfsverordnung vorgelegt. Damit soll die Entnahme – in der Regel der Abschuss – von Problemwölfen auf eine einfach handhabbare rechtliche Grundlage gestellt werden. Als auffällig gelten Wölfe, wenn sie die Scheu vor Menschen verloren haben oder wiederholt Nutztierherden angreifen. Schon lange fordern Landwirte und Jäger eine Abschussquote zur Regulierung der Wolfsbestände. Besonders für Schäfer ist der Wolf zur Existenzgefahr geworden.  

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