Unter Coronavirus-Verdacht : Zwangsferien bei Mama

Andreas Gawe aus Neustadt (Dosse) befindet sich in häuslicher Quarantäne.  Fotos: DPA/Paul Zinken (2)
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Andreas Gawe aus Neustadt (Dosse) befindet sich in häuslicher Quarantäne. Fotos: DPA/Paul Zinken (2)

Von Angst vor dem neuartigen Virus ist in Neustadt (Dosse) nicht viel zu spüren. Aus Vorsicht sind Hunderte Personen in Quarantäne.

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10. März 2020, 22:00 Uhr

Andreas Gawe will sich seine Stimmung nicht vermiesen lassen: Er ist nach Coronavirus-Verdacht mit seiner Familie in häuslicher Quarantäne. „Uns geht es gut, wir haben keine Symptome“, sagt er in sicherem Abstand durch das Wohnzimmerfenster gelehnt. Er hat sich mit Frau, zwei Töchtern und seinem 18 Monate alten Sohn im Elternhaus einquartiert. Auf die endgültige Entwarnung durch den Test will er hier warten.

Insgesamt sind wegen eines Verdachtsfalles in Neustadt (Dosse) bis zu 2250 Menschen in häuslicher Quarantäne. Sie sind über mehrere Landkreise Brandenburgs und weitere Bundesländer verteilt. Die Prinz-von-Homburg-Schule in Neustadt (Dosse), der Hort sowie Reitinternate bleiben zu, nachdem Lehrer und Mitarbeiter des Gestüts Anfang März Kontakt mit einer Berliner Reitlehrerin hatten, die mit dem neuen Coronavirus infiziert ist. Vorsorglich gilt die Isolation bis 17. März, dann endet die mögliche Inkubationszeit.

Sorgen bereitet Gawe, wie seine beiden Töchter nun den fehlenden Unterricht verkraften. Die Ältere wolle aufs Gymnasium, da müsse die Leistung stimmen. Hausaufgaben seien bislang keine übermittelt worden. „Für das leibliche Wohl sorgt meine Mutter mit voller Vorratskammer und Kühlschrank“, sagt er. Schwieriger sei es, alle bei den Zwangsferien bei Laune zu halten, damit keine Langeweile und kein Streit entstehe.

Gawe arbeitet bei der Firma Hüffermann Transportsysteme und ist dort Bereichsleiter Endmontage. Auch seine beiden Stellvertreter müssen zwangsweise zuhause in Quarantäne bleiben. „Wenn bei insgesamt 240 Beschäftigten 30 nicht zur Arbeit kommen dürfen, ist das zu merken“, sagt Hüffermann-Geschäftsführer Stephan von Schwander.

In den Produktionshallen ist der Lärm der Maschinen nicht so laut wie sonst: Normalerweise montieren 24 Kollegen in diesem Bereich die Spezialanhänger, berichtet er. An diesem Tag sind es nur neun. „Wir haben 100 000 Euro Verlust in der Woche durch den Ausfall“, sagt Schwander. Er wartet händeringend auf den Anruf des Amtsdirektors von Neustadt/Dosse, der dann Entwarnung nach dem Eintreffen von Testergebnissen geben soll.

Auf dem Firmengelände stehen seit Sonntagabend wieder zehn Spezialanhänger, die nach Italien gehen sollten. „Die waren schon auf dem Lkw zum Abtransport, mussten aber wieder abgeladen werden“, sagt er. Italien lasse Waren nicht rein. „Da stehen nun rund 220 000 Euro herum. Das ist bitter“, sagt Schwander. Die Ware werde zunächst nicht bezahlt. Rechnungen für Material müsste Hüffermann aber begleichen und die Mitarbeiter benötigten weiter pünktlich ihren Lohn.

Gerade einmal zwei Kunden hatte Renate Engelbrecht in ihrer Fleischerei bislang. „Es macht sich bemerkbar“, sagt die Verkäuferin. Üblicherweise habe sie sonst bis mittags 30 bis 40 Kunden mit Leberwurst, Hackepeter und gekochtem Schinken zu versorgen. Erklären könne sie sich das nicht richtig. „Wenn man Vorsorgemaßnahmen einhält, ist man doch auf der sicheren Seite“, meint sie. Doch auch von den acht Mitarbeitern seien fünf krank, zwei davon in häuslicher Isolierung wegen Coronaverdachts. „Im Interesse unserer Kunden müssen wir weitermachen“, sagt sie und schiebt den Gedanken wieder weg, den Laden erst einmal für ein paar Tage zu schließen. Der Edeka-Markt bietet unterdessen einen Bringeservice für Lebensmittel an.

Beim Haupt- und Landgestüt Neustadt sind bislang nur drei der rund 55 Mitarbeiter nicht zur Arbeit erschienen, weil sie sich wegen Coronaverdachts isoliert zuhause aufhalten müssen. „Die Betreuung der 400 Pferde ist gesichert“, sagt Geschäftsführerin Regine Ebert.

Olaf Krause, Inhaber des Restaurants „Olafs Werkstatt“ mit Theater und Bowlingbahn erzählt zunächst lachend von einem Anruf besorgter Gäste. „Sie hätten gehört, ganz Neustadt wäre in Quarantäne und von der Polizei abgeriegelt. Niemand dürfe angeblich rein“, berichtet er. „Ja, und das Lied vom Tod ist zu hören“, witzelt er dann über Gerüchte.

Wenig später ist der Spaß für den Wirt vorbei. Er erhält den Anruf einer seiner Kellnerinnen. Sie ist im Urlaub auf Zypern und wollte am Sonntag zurückkehren. „Daraus wird nun vermutlich nichts: In einer Maschine aus Stuttgart sei ein Reisender mit Coronaverdacht gewesen, hat sie erzählt“, sagt Krause. Nun müsse sie voraussichtlich auf Zypern erstmal in Quarantäne bleiben.

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