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Brandenburg

18. Dezember 2017 | 06:21 Uhr

Pionier : Zurück zu den Wurzeln

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Harald Blüchel war der erste Weltstar der Techno-Szene / Jetzt lebt er bei Fürstenberg und gibt nur noch Konzerte am Flügel

svz.de von
erstellt am 09.Aug.2017 | 05:00 Uhr

In den 90er Jahren elektrisierte Harald Blüchel als Cosmic Baby mit seinem live vorgetragenenTechno-Trance weltweit die Massen. Er war ein Pionier und der erste internationale Star der Szene. Mit der Jahrtausendwende zog er sich zurück. Inzwischen lebt er in einem Ort bei Fürstenberg, komponiert und spielt Stücke für Klavier.

Das Publikum ist nicht mehr dasselbe wie vor 20 Jahren, aber es zeigt die gleichen Reaktionen. Wenn Blüchel am Flügel in die Tasten greift, dauert es nur Minuten, bis beinahe jeder im Saal die Augen schließt, sich von der Musik berauschen lässt. „Selbstvergessenheit“ nennt Blüchel das Gefühl, das er auf der Bühne auch selbst erleben will – und das seine alten Fans noch aus der Zeit kennen, als er als Cosmic Baby manchmal in einer Nacht Zehntausende mit hypnotischen Sounds und Bässen einlullte und auf den Tanzflächen in Ekstase versetzte. Pianotöne spielten schon in Blüchels elektronischer Phase immer wieder eine tragende Rolle. Mancher erkennt in heutigen Klavierkompositionen Cosmic Baby wieder. Den Musiker überrascht das nicht. „Das ist eben meine DNA.“

Vor 54 Jahren wurde Blüchel in Nürnberg geboren, sein Talent ihm in die Wiege gelegt. Schon mit vier Jahren war das Klavier sein „Lieblingsspielzeug“. Er bekam Stunden bei einer Privatlehrerin, die die hohe Begabung des Jungen erkannte und ihm eine Ausbildung zum Klassik-Pianisten am Nürnberger Konservatorium vermittelte. Die Zeit dort war für Blüchel die Hölle. „Ich hatte es mit autoritären Menschen zu tun, die mich als deren Werkzeug betrachteten und mich zum Kinderklaviersoldaten machen wollten.“ Enttäuscht und frustriert warf er hin.

Die Liebe zur Musik aber blieb. Fasziniert von Bands wie Kraftwerk und Tangerine Dream begann Blüchel schon als Teenager mit elektronischen Sounds zu experimentieren, vor allem, als er 1987 an die TU Berlin ging, um Tontechnik zu studieren. An der Uni traf er Gleichgesinnte. Auf ausgedienten Rhythmus-Maschinen, Sequenzern und Keyboards schufen sie den Sound, der das nächste Jahrzehnt prägen sollte. Techno.

Das Forum für die neue Musik bot damals die SFB-Radiomoderatorin Monika Dietl, die auf „Radio4U“ auch die Anfänge von Acid und House begleitete. Eines Abends rief Blüchel im Sender an: „Das ist die Musik, die ich auch spiele.“ Dietl schlug Blüchel vor, doch mal alle Protagonisten für eine Party zusammenzuholen. Die fand im Herbst 1987 in einem dunklen Keller an der Köpenicker Straße, dem späteren „Ufo“ statt. 50 Leute kamen, darunter der spätere Love-Parade-Gründer Dr. Motte, der inzwischen auch in Fürstenberg lebende DJ Mijk van Dijk und Kid Paul. „In der Nacht träumten wir davon, mal vor 500 Leuten oder irgendwo draußen am Strand zu spielen.“ Dass in dieser Nacht Musikgeschichte geschrieben wurde, ahnte noch niemand. Die erste DJ-Party im „Ufo“ gilt heute als die Geburtsstunde der Techno-Bewegung.

Und Cosmic Baby war ihr erster Star. Denn anders als die anderen Pioniere der Clubszene legte Blüchel keine Platten auf. Er brachte die hypnotische und tanzbare Melange aus treibenden Sounds und Bässen mit Sequenzern, Rhythmus-Maschinen und Keyboards live auf die Bühne. Er improvisierte auf der Bühne, viele seiner Werke entstanden im Club, nicht im Studio. Clubbetreibern blieb das nicht verborgen. Schnell kamen Anfragen aus Deutschland, dann aus dem übrigen Europa. Meist war es Blüchel, der gebucht wurde. Und meist nahm er seine besten Freunde Kid Paul und Paul van Dyk, noch heute einer der erfolgreichsten DJs der Welt, einfach mit. Mit Kid Paul bildete Cosmic Baby später das Projekt „Energy 52“, dessen stilprägende und noch heute beliebte Trance-Hymne „Cafe del mar“ ein internationaler Hit wurde.

Als Solokünstler tourte Cosmic Baby um die ganze Welt, er hatte Tourmanager und Techniker. Shows vor 20 000 bis 40 000 Fans waren keine Seltenheit. Wenn große Plattenfirmen an die Tür klopften, diktierte Blüchel die Bedingungen. Er konnte es sich leisten, ein paar Jahre in New York zu leben.

1999, im Alter von 36 Jahren und auf dem Zenit seiner Karriere, machte Blüchel Schluss. Cosmic Baby wurde begraben. Der Techno-Star war ausgelaugt. Blüchel zog zurück nach Berlin, arbeitete als Theaterkomponist. Unter anderem schrieb er die Musik für Max Frischs „Andorra“ am Hamburger Schauspielhaus.

Seit drei Jahren lebt Blüchel in einem idyllischen Ort bei Fürstenberg. Er will nicht mehr weg. „Ich bin jeden Tag aufs Neue glücklich, dort leben zu dürfen, wo andere Urlaub machen.“ Seine neue Heimat setzt auch kreative Kräfte frei. Die elektronischen Instrumente hat er seit anderthalb Jahren nicht mehr angerührt. Er komponiert ohne Unterlass. Sein Kindheitstrauma hat er überwunden. Er ist zurück zu seinen Wurzeln gekehrt. „Das Klavier bietet die schönste Möglichkeit, sich auszudrücken.“ So hat er es als Kind gesehen. So sieht er es heute wieder.

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