Hilfe in der Not : Zurück im Gleichgewicht

Ständiger Begleiter: Dindia und Anna Gutmann zeigen das ReMoD, ein Gerät, das elektrische Impulse an Muskeln aussendet. Der schwarze Kasten wurde von Fachleuten der TU weiterentwickelt und dient heute als Geschäftsmodell.
Ständiger Begleiter: Dindia und Anna Gutmann zeigen das ReMoD, ein Gerät, das elektrische Impulse an Muskeln aussendet. Der schwarze Kasten wurde von Fachleuten der TU weiterentwickelt und dient heute als Geschäftsmodell.

Eine Mutter baut ohne technische Vorkenntnisse für ihre gelähmte Tochter ein Gerät, mit dem sie besser laufen kann. Mit Expertenhilfe wurde daraus ein Geschäftskonzept.

svz.de von
17. April 2015, 12:00 Uhr

Für Anna Gutmann war es ein heftiger Schicksalsschlag. Ärzte hatten ihr erklärt, dass ihr Baby einen Schlaganfall erlitten hatte, drei Monate vor der Geburt. Die Folge war eine halbseitige Lähmung, im Fachjargon Hemiparese genannt. Es war eine Nachricht, die ihr Leben komplett verändern sollte. „So etwas kann man erst einmal gar nicht begreifen“, sagt die Berlinerin.

Dindia kam zwar scheinbar als gesundes Mädchen zur Welt, doch später stellte sich heraus, dass etwas nicht stimmte. Zufällig entdeckte der Kinderarzt, dass ihr linkes Bein nicht auf Berührungen reagierte. „Es fiel ebenfalls auf, dass ihre Bewegungen völlig unkoordiniert waren“, erzählt Gutmann. „Arme und Beine ruderten manchmal wie bei einer Krake.“

In den ersten Lebensjahren von Dindia folgte eine Odyssee bei verschiedenen Neurologen, die der Mutter allerdings keine Hoffnung machten, dass sich die zerstörten Hirnzellen jemals regenerieren. Trotz intensiver Therapien fiel Dindia das Gehen immer schwerer, sie hatte Schmerzen, Schwindelanfälle, stürzte immer häufiger, litt unter spastischen Krämpfen.

Als sie elf war, kamen die Krämpfe täglich. Sie habe in dem Alter nur noch Strecken von maximal 200 Metern zurücklegen können, sagt Gutmann. „Ich habe sie im Buggy transportiert, zur Schule, überall hin.“ Ein Leben im Rollstuhl schien unausweichlich.

Hinzu kam die Stigmatisierung. Schon in der Grundschule hätten ihre Klassenkameraden gemerkt, dass sie sich auffällig bewegte, der Körper beim Laufen schwankte und ihr linker Arm seltsam angewinkelt war, erzählt Dindia Gutmann. „Kinder können sehr gemein sein.“ Die Hänseleien setzten ihr seelisch zu, sie wurde depressiv.

„Ich wollte das nicht hinnehmen“, sagt Anna Gutmann, die als Künstlerin arbeitet. Fortan entwickelte die 65-Jährige ein eigenes Trainingsprogramm, mit dem sie die Haltung von Dindia korrigiert. Jeden Tag kämpften sie gegen die Spasmen an. „Es funktionierte allein mit Zurufen“, erzählt sie. „Auf Dauer war es aber keine Lösung. Ihr Körper lernt nicht, die Bewegungen zu koordinieren.“

Anna Gutmann suchte nach anderen Lösungen und kam nach einer langen Recherche auf die Idee, ein Gerät zu entwickeln, welches elektrische Impulse an die betroffenen Muskeln sendet. Sie ging zum Elektronikfachmarkt, ließ sich dort immer wieder beraten, bis die Verkäufer entnervt aufgaben. Schließlich konsultierte sie ihren Arzt.

Der Neurologe gab ihr allerdings deutlich zu verstehen, dass sämtliche Versuche, an der Behinderung der Tochter grundlegend etwas zu ändern, nutzlos seien. Er sagte, es sei unverantwortlich, einem Kind Hoffnung zu machen, wo es keine Hoffnung gebe, erinnert sich die 65-Jährige und blickt energisch: „Aber ich habe es dennoch durchgezogen.“

Mit rudimentären Kenntnissen entwickelte sie eine Bauanleitung, lötete Dioden, Schalter und Kabel zusammen, testete immer wieder, ob die von einer speziellen Batterie gesendeten Stromreize etwas bewirken. „Ich hatte keine Ahnung von Technik“, sagte sie. Bei Dindia stellten sich dennoch langsam Fortschritte ein, die betroffenen Muskeln wurden aktiviert, ihre Bewegungen wurden flüssiger.

Nach vielen Versuchen erhielt Anna Gutmann vor neun Jahren einen Prototyp ihres Remember Motion Device (ReMoD), den sie in einer Brotbox verpackte. Bei weiteren Tests mit dem Gerät habe sie gespürt, dass alles immer mehr ins Lot kam, erzählt Dindia Gutmann. „Die Welt wackelte plötzlich nicht mehr.“ Auch Krämpfe und Schmerzen gingen zurück. Der Prototyp wurde dann von Experten der Technischen Universität Berlin weiter entwickelt. Auch hierbei wirkte sich die Beharrlichkeit von Gutmann aus: Sie lernte auf der „Langen Nacht der Wissenschaft“ einen Medizintechnik-Ingenieur kennen und überzeugte diesen von ihrer Methode.

Das ReMoD, ein kleiner, schwarzer Kasten mit Elektroden und schmalen Gurten, ermöglicht ihrer Tochter ein normales Leben. Sie geht auf Partys, studiert Volkswirtschaftslehre, reist in andere Länder, absolvierte ein Auslandssemester in Portugal. „Niemand hat mich auf meine Lähmung angesprochen“, sagt sie. „Ich habe endlich Selbstbewusstsein bekommen.“ Dindia Gutmann, 24, lange, blonde Haare, dezent geschminkt, ist jetzt junge Unternehmerin. Mit ihrer Mutter und zwei weiteren Mitstreitern hat sie ein Start-up gegründet, das vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert und vom Gründerservice der TU unterstützt wird. Kürzlich hat sie beim Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg einen ersten Preis gewonnen.

Das Gerät existiert mittlerweile in der sechsten Generation, derzeit wird es klinischen Tests unterzogen. Ein Patent haben Mutter und Tochter ebenfalls angemeldet. Im Mai wollen sie für ihr ReMoD die Zulassung als Medizinprodukt beantragen. Im nächsten Jahr soll die Produktion starten. „Wir verhandeln gerade mit etablierten Firmen und Geldgebern“, sagt Anna Gutmann.

Der Bedarf ist immens. 200  000 Deutsche sind jährlich von einem Schlaganfall betroffen, darunter 200 bis 300 Kinder, wie die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe schätzt. Jeder zweite Überlebende erleidet Lähmungen. „Wir wollen anderen helfen, dass sie besser laufen können und ihre Gelenke nicht so schnell verschleißen. Aber es gibt keine Heilung“, betont Anna Gutmann.

Jörg Wissel, Experte für Neurologische Rehabilitation beim Klinikkonzern Vivantes, verweist auf 20 erprobte Verfahren, mit denen betroffenen Menschen geholfen wird. „Elektrostimulation ist nur ein Baustein“, sagt der Professor. So gebe es bereits spezielle Anzüge, mit denen Bewegungen unterstützt werden. „Lähmung heißt heute nicht, dass man nie wieder laufen kann“, so Wissel.

Ob sich das von Gutmann getestete Biofeedbackverfahren durchsetzt, ist völlig offen. Kürzlich habe sie das Konzept auf einer Tagung von Physiotherapeuten vorgestellt, erzählt die Unternehmerin. Zuerst habe sie die Skepsis im Saal greifen können, als sie sich als Laie vorstellte. Später gab es Applaus. „Wir werden weiter mit vielen Vorurteilen kämpfen müssen.“

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