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Polnische Frauen : Zur Abtreibung nach Brandenburg

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

In Polen sollen Schwangerschaftsabbrüche rigoros verboten werden, doch schon jetzt gehen viele Frauen dafür ins Ausland

svz.de von
erstellt am 20.Apr.2016 | 05:00 Uhr

Obwohl östlich der Oder bereits eines der strengsten Abtreibungsverbote in Europa gilt, gibt es Forderungen, dieses weiter zu verschärfen. Als Folge dürften noch mehr polnische Frauen die Abbrüche illegal oder im Ausland durchführen, befürchten Experten.

„Sie kommen aus allen Ecken Polens zu uns und nehmen dafür zum Teil weite Wege auf sich. Zunächst sind die Frauen oder Mädchen ängstlich und verschlossen. Erst, wenn sie merken, dass sie hier niemand verurteilen will, bricht so etwas wie Entlastung heraus. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass ich überhaupt die erste Person bin, mit der sie ihre Nöte und Zweifel teilen.“ Nachdenklich berichtet die Mitarbeiterin der Beratungsstelle „Pro Familia“ in Frankfurt (Oder) über ihre mit Hilfe von Dolmetschern geführten Gespräche mit Frauen aus dem Nachbarland.

Auch sie selbst will lieber anonym bleiben. Denn in jüngster Zeit gab es Angriffe auf deutsche Beraterinnen und Ärzte, die den Polinnen einen Weg eröffnen, den es in ihrem Land nicht gibt. „Die Frauen werden von uns nach deutschem Recht behandelt. Das heißt, dass unsere Beratung ergebnisoffen ist und die Entscheidung, ob sie ihr Kind zur Welt bringen wollen oder nicht, allein ihnen überlassen bleibt. Wenn sie sich aber einmal zu uns auf den Weg gemacht haben, dann bringen sie ihre Entscheidung meist schon mit“, sagt die Frankfurterin.

Laut der deutschen Regelung zum Schwangerschaftsabbruch – die nach 1990 als Kompromiss aus den sehr liberalen Gesetzen in der DDR und den strengen Verboten in der alten Bundesrepublik entstanden war – müssen nach der Pflichtberatung mindestens drei Tage Bedenkzeit vergehen, bevor der Abbruch vorgenommen werden kann. In Polen dagegen ist eine Abtreibung bisher nur erlaubt, wenn die Frau Opfer einer Vergewaltigung wurde oder eine Gefahr für ihre Gesundheit beziehungsweise die des ungeborenen Kindes besteht.

Eine Bürgerinitiative aus streng gläubigen Anhängern der neuen Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“(PiS), die von katholischen Geistlichen angetrieben werden, fordert jetzt ein praktisch totales Verbot. Lediglich wenn das Leben der Mutter durch die Schwangerschaft bedroht ist und ein Mediziner dies ausdrücklich bestätigt, sollen Abbrüche noch erlaubt sein. Nur Gott allein könne über Leben oder Tod entscheiden, lautet die Begründung der Abtreibungsgegner.

Doch viele ihrer Argumente klingen heuchlerisch. Er wäre „sehr stolz, wenn wir ein Leben retten könnten“, sagte etwa ein PiS-Abgeordneter auf die Frage, was er seiner Tochter raten würde, wenn diese durch eine Vergewaltigung schwanger würde. „Das ungeborene Kind kann doch nichts dafür, wie es gezeugt wurde“, fügte er hinzu. Gleichzeitig ist sexuelle Aufklärung an zahlreichen Schulen und in vielen Familien des Nachbarlandes noch immer ein Tabu.

Regierungsunabhängige Organisationen wie die „Föderation zum Schutz der Frauen“ schätzen, dass bereits jetzt jährlich um die 100 000 Abtreibungen durchgeführt werden, von denen viele gegen die geltenden Gesetze verstoßen. „Manche Ärzte verlangen Geld dafür, dass sie eine Notlage bestätigen, obwohl diese gar nicht besteht“, sagt eine Sprecherin. „Leider können wir die polnischen Frauen nicht auf die staatlichen Hilfen hinweisen, die es hierzulande für alleinerziehende Mütter oder Arbeitslose gibt“, sagt die Frankfurter Beraterin. Ausländerinnen müssten die Kosten für den Abbruch, die zwischen 450 und 600 Euro betragen, selbst bezahlen. Geringverdienende in Deutschland könnten eine Übernahme durch ihre Krankenkasse beantragen.

Dass polnische Frauen in ihren Einrichtungen Schwangerschaftsabbrüche vornehmen lassen, bestätigen der Ärztliche Direktor des Klinikums Schwedt, Rüdiger Heicappell, und die Sprecherin des Klinikums Frankfurt (Oder), Kati Brandt. „Die Frauen sind generell Selbstzahler, über ihre Zahl geben wir keine Auskunft. Abbrüche werden aber auch bei niedergelassenen Ärzten durchgeführt“, sagt Brandt.

Der wohl bekannteste in Deutschland tätige Gynäkologe, der diese Leistung anbietet, ist selbst ein Pole. Janusz Rudzinski arbeitet am Kreiskrankenhaus in Prenzlau. Das polnische Boulevardblatt „Fakt“ berichtete kürzlich auf der Titelseite, dass er jährlich 1000 ungeborene polnische Kinder abtreibe. „Diese Zahl haben sich die Journalisten zwar ausgedacht, aber es sind schon sehr viele“, bestätigt Rudzinski. Der 74-Jährige macht keinen Hehl daraus, dass er junge Frauen gern aus Notlagen befreit, betont aber, dass er sich streng an die deutschen Vorschriften halte. Die Debatte in seinem Heimatland hält er für absurd, „eine Verschärfung würde nur dazu führen, dass noch mehr Frauen ins Ausland gehen“. Dass ein Abtreibungsgegner aus Baden-Württenberg kürzlich per E-Mail Protestbriefe an Mitarbeiter des Prenzlauer Krankenhauses verschickt hat, weil „die Abtreibungen allein 2014 rund 400 000 Euro eingebracht haben“, bestätigt der Sprecher der Einrichtung, Andreas Gericke. Zugleich verweist er darauf, dass Rudzinski nicht rechtswidrig handele und die Krankenhausleitung juristische Schritte gegen den Mail-Absender prüfe. In Polen ist dagegen jetzt eine Initiative „Ratujmy kobiety“ (Retten wir die Frauen) entstanden, die mit einer Gesetzesinitiative ein liberalisiertes Abtreibungsrecht durchsetzen will. Um ihren Vorschlag ins Parlament einbringen zu können, müsste sie in drei Monaten 100 000 Unterschriften sammeln.  

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