Zug überrollt jungen Graffitisprayer

<strong>Nach dem Unfall</strong>, bei dem ein ICE auf einer Brücke bei Rathenow einen 15-Jährigen erfasste, mussten die Reisenden am Unglücksort den Zug verlassen und in Busse umsteigen. Die Hochgeschwindigkeitesstrecke war für mehrere Stunden gesperrt.<foto>ddp</foto>
Nach dem Unfall, bei dem ein ICE auf einer Brücke bei Rathenow einen 15-Jährigen erfasste, mussten die Reisenden am Unglücksort den Zug verlassen und in Busse umsteigen. Die Hochgeschwindigkeitesstrecke war für mehrere Stunden gesperrt.ddp

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09. Juli 2010, 08:28 Uhr

Rathenow/Wittenberge | War es der Nervenkitzel oder pure Unvernunft? Ein 15 Jahre alter Graffiti-Sprayer ist gestern nahe dem havelländischen Rathenow von einem aus Berlin kommenden ICE-Zug erfasst und getötet worden. Sein Hobby hatte ihm bereits Ärger mit Bahn und Ermittlern eingebrockt, teilte die Bundespolizei mit. Nun kostete es ihn sein Leben, kaum dass die Schulferien in Brandenburg und Berlin begonnen haben. Der gleichaltrige Freund des Opfers wurde schwer verletzt. Ob er in Lebensgefahr schwebt, war zunächst unklar. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke war bis zum Mittag komplett gesperrt; der Fernverkehr wurde über Magdeburg sowie über Stendal und Wittenberge umgeleitet.

Die beiden jungen Sprayer hatten sich morgens mit ihren Farbdosen an einem Güterzug in Höhe der Havelbrücke bei Rathenow zu schaffen gemacht, als der ICE heranraste. Der Lokführer eines anderen Zuges gab noch ein Notsignal ab - zu spät. Die beiden Jugendlichen aus Rathenow konnten nicht mehr ausweichen. Ein Zwölfjähriger, der in unmittelbarer Nähe stand, erlitt einen Schock.

Auch Menschen in der Havelstadt reagierten geschockt. Die zwei Jugendlichen waren nicht unbekannt in der 25 000-Einwohner-Kommune. Kleingärtner hatten die beiden Jungs am Abend zuvor beim Campen in der Nähe der Gleise beobachtet.

"Wir weisen immer wieder auf die Gefahr hin", sagte Bahnsprecher Burkhard Ahlert gestern. Vandalismus und Graffitischmierereien seien seit Jahren ein großes Thema, insbesondere in Berlin und Umgebung: "Zur Ferienzeit erleben wir regelmäßig einen Anstieg." Damit wächst auch das Risiko: "Die Eigengefährdung wird ständig unterschätzt", meinte Meik Gauer von der Bundespolizei. Seit Jahren versuchen Polizei und Bahn mit Präventionsarbeit dagegen anzukämpfen. So starteten sie im vergangenen Sommer die Sicherheitskampagne "Fair und sicher unterwegs".

Doch der Irrsinn hört nicht auf. Neben dem tragischen Unglück in Rathenow gab es auch in Berlin-Moabit in der Nacht zu gestern auf einer Bahnanlage ein Opfer: Ein betrunkener 18-Jähriger kletterte am Bahnhof Beusselstraße auf einen stehenden Güterzug und wurde dabei vom Stromschlag aus einer Oberleitung getroffen. Er kam mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus.

Das Unglück in Rathenow wird nun von der Bundespolizei untersucht. Der ICE 375 war aus Berlin nach Interlaken in der Schweiz unterwegs; in Rathenow hatte er kurz betriebsbedingt gestoppt. Zum Zeitpunkt des Unglücks hatte er nach Schätzungen der Bahn wieder eine Geschwindigkeit von etwa 120 Stundenkilometer erreicht. Die Fahrgäste des ICE mussten nach dem Unfall in Busse umsteigen, die sie nach Hannover bringen sollten. Für die Reisenden anderer Züge kam es zu Verspätungen von mindestens einer Stunde. Im Nahverkehr zwischen Stendal und Rathenow setzte die Bahn ebenfalls Busse ein.

Zu einem weiteren Zwischenfall kam es gestern im Kreis Teltow-Fläming auf den Bahngleisen zwischen Großbeeren und Teltow. Dort erfasste der aus Leipzig heranfahrende ICE 616 einen Menschen, wie die Bahn mitteilte. Ob es eine Selbsttötung war, blieb zunächst unklar. Der Vorfall führte ebenfalls zu Umleitungen und Verspätungen.

Und auch auf der ICE-Bahnstrecke zwischen Berlin und Hamburg, die durch die Prignitz führt, gab es Verzögerungen. Grund war auch hier ein Personenunfall, wie Bahnsprecher Burkhard Ahlert dem "Prignitzer" sagte. Ein ICE hatte einen 87-Jährigen bei Hamburg-Bergedorf erfasst und getötet. Der Mann hatte einen Abschiedsbrief hinterlassen und war auf das Gleis gesprungen, berichtete ein Sprecher der Bundespolizei. Rund zwei Stunden lang, von 10 bis 12 Uhr, war die Strecke zwischen den zwei Metropolen deshalb gesperrt.


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