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Kyritz-Ruppiner Heide : Zu viel Betrieb im Sperrgebiet

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Immer häufiger scheint das Zutrittsverbot in der Kyritz-Ruppiner Heide missachtet zu werden. Mit zum Teil gefährlichen Folgen

svz.de von
erstellt am 04.Okt.2017 | 21:00 Uhr

Auch mit dem Abzug der Bundeswehr ist die Kyritz-Ruppiner Heide nicht frei. Bis auf einen Spazierweg ist das Gebiet grundsätzlich gesperrt – wegen der Gefahr durch herumliegende Sprengkörper. Doch das Betretungsverbot wird offenbar sehr häufig missachtet. Darauf deuten Ereignisse der vergangenen Wochen hin – ein Fall davon mit tragischem Hintergrund.

Zwischen Gadow und Fretzdorf hatte Anfang voriger Woche ein 78-jähriger Mann beim Pilzesuchen einen Schwächeanfall erlitten. Zusammengesackt in Sitzstellung lehnte er an einem Baum und starb. Eine weitere Pilzsucherin fand die Leiche am Mittwoch voriger Woche – offenbar nur sehr kurze Zeit danach. Darauf deuteten nicht nur die medizinischen Untersuchungen am Leichnam hin; die Frau des Verstorbenen hatte auch noch keine Vermisstenanzeige aufgegeben. Alles das passierte 300 Meter hinter der Schranke, die deutlich macht: Stopp – hier geht es nicht weiter.

Trotz aller Dramatik dieses Falls – für Rainer Entrup von der Bundesforstbehörde, die im Auftrag der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben die Heidefläche betreut, ist er ein Indiz dafür, dass das Betretungsverbot, wie er sagt, „massenhaft“ missachtet wird. Denn angesichts der Größe der Fläche – das Sperrgebiet ist rund 120 Quadratkilometer groß – tritt nur die Spitze des Eisbergs zutage. Zum Beispiel im Fall Gadow – oder wenn sich Menschen in der Weite der Heide verlieren. So gab es im August zwei Fälle kurz hintereinander: Eine ältere Frau fand nicht mehr den Weg heraus. Angehörige hatten die Revierförster alarmiert. Da die Dame einen Hochsitz beschreiben konnte, ließ sie sich schnell lokalisieren. Der zweite Fall, eine Woche später, zeigt, wie wenig Unrechtsbewusstsein Menschen haben, die das Betretungsverbot missachten: Ein Pilzsucher, der offenbar ebenfalls die Orientierung verloren hatte, meldete sich beim Revier. Als die Hoheitsförster den Mann fanden, war er nicht nur erleichtert, sondern wollte auch die Pilzberge, die er gesammelt hatte, in den Kofferraum des Forstautos verfrachten. „Wir sind doch kein Transportunternehmen“, beschieden ihm die Beamten: „Wir haben ihm klar gemacht: Entweder wir bringen die Pilze raus oder ihn.“, so Entrup. Der Mann stieg ein – das Sammelgut blieb zurück. Das Ahnden von Verstößen obliegt n den Ordnungsbehörden der Kommunen, die Flächenanteil am ehemaligen Bombodrom haben – also Wittstock, Rheinsberg und Neuruppin. Doch auch deren Mitarbeiter können nicht einfach so die Heide betreten und sind nur sporadisch im Einsatz. „In der Vergangenheit hat es zwei Kontrollen der Ordnungsämter Rheinsberg und Wittstock zusammen mit der Polizei gegeben“, teilte Kreis-Sprecherin Eylin Roß mit.

Bußgelder sind schon verhängt worden – zumindest vereinzelt: Wittstock hat laut Stadtsprecher Jean Dibbert seit Inkrafttreten der Sperrverordnung sieben Bußgeldverfahren eingeleitet, „in diesem Jahr noch keins“. Das höchste bisher verhängte Bußgeld betrug 125 Euro. „Es sind Bußgelder bis zu 5000 Euro möglich“. Dibbert stellt klar: „Die Mitarbeiter des Ordnungsamtes betreten die Flächen nicht.“ Reagiert werde also nur auf Anzeigen der Förster.

Doch das allein wird künftig wohl nicht reichen. Laut Entrup wird die derzeitige Streubomben-Räumung, zu der sich der Bund laut UN-Konvention verpflichtet hatte, ausgeweitet. Statt derzeit einer wird es ab Oktober drei Baustellen mit je 30 Mitarbeitern auf Bombensuche geben. Gegraben wird bei Streuwafffen-Sondierung nur oberflächennah. Geräumt oder gegebenenfalls gesprengt wird aber alles, was gefunden wird. Das bedeutet bei Verdreifachung der Baustellen- und Mitarbeiter-Zahl, dass es künftig auch mehr kontrollierte Explosionen geben wird. „Die Gefahr wird größer“, so Entrup.

Die Bundesforst hat deshalb den Kreis aufgefordert, häufiger kontrollieren zu lassen. Denn die Kampfmittelräumer wollen nicht ständig ihre Arbeit wegen verirrter Pilzsammler stoppen müssen. Der Landkreis hielt sich bedeckt, inwiefern dieser Forderung nachgekommen werden kann. „Der Kreis selbst hat kein eigenes Personal, um die Sperrverordnung durchzusetzen“, so Roß. Dafür gebe es die kommunalen Ordnungsämter. Aber neue Mitarbeiter für die Ausweitung der Kontrollen einstellen – das werden weder die Kreisverwaltung noch die Kommunen können, stellt der Landkreis klar.
 

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