Wenn der Duft gefälscht ist : Zoll bekämpft Kosmetik-Kopien

Martin Ruppmann zeigt eine gefälschte Parfüm-Flasche (l) der Marke Chanel.
Martin Ruppmann zeigt eine gefälschte Parfüm-Flasche (l) der Marke Chanel.

Warum teure Markenprodukte kaufen, wenn es auch die billige Kopie tut? Markenpiraterie blüht, auch entlang der deutsch-polnischen Grenze.

svz.de von
12. Juni 2019, 05:00 Uhr

Martin Ruppmann ist geschockt. Der Geschäftsführer des Kosmetikverbandes steht vor 16 Paletten gefälschter Markendüfte in einer Asservatenhalle des Hauptzollamtes Frankfurt (Oder) und hält zwei Flakons in den Händen. „Das ist erschreckend beeindruckend, teuflisch gut gemacht“, sagt er. Auf den ersten Blick sind die aus Metall und Glas kompliziert zusammengefügten Parfümbehälter nicht zu unterscheiden. „Bei der Kopie wurde schlampig gearbeitet, sieht man Nähte und Fehler im Metall. Zudem ist der Original-Duft deutlich dunkler, riecht viel intensiver“, stellt er fast triumphierend fest.

Ruppmann ist vom Fach. Sein Verband vertritt 60 namhafte Kosmetik-Hersteller. Er hat täglich mit der Bekämpfung von Markenpiraterie zu tun. „Die Billigkopien kommen alle aus China“, sagt er. Für den Laien seien Original und Plagiat schwer zu unterscheiden. „Und selbst wenn: Da steht auf dem Verkaufstresen das Original zum Probieren, dann greift der Verkäufer eine geschlossene Verpackung unter dem Tisch und verkauft diese Kopie.“

Im Internet boome das Geschäft, aber auch bei fliegenden Händlern, so Ruppmann. „Vieles kommt über den Hamburger Hafen und große Flughäfen ins Land.“ Auch auf Grenzmärkten an Oder und Neiße werden fast nur Billigkopien verkauft: Kleidung, Sonnenbrillen, Spielzeug, Uhren und Parfüm. „Solange jemand für den Eigenbedarf geringe Stückzahlen kauft, darf er sie einführen“, erklärt Astrid Pinz, Sprecherin des Frankfurter Hauptzollamtes.

24 000 Flakons - angeblich verschiedener Marken und Hersteller - fanden Zöllner 2015 auf einem polnischen Laster auf der Autobahn 12. „Die Ladung bestand aus 50 000 Parfümpackungen, einen Großteil haben wir bereits vernichten lassen“, sagt die Sprecherin. Die Kombination verschiedener Marken auf einem Transporter sei ein Anhaltspunkt, dass etwas nicht stimme, so Ruppmann. „Parfümproduzenten machen keinen Gemischtwarenhandel, jedes Unternehmen hat eine eigene Logistik“, erklärt er.

Die Hersteller von Markenwaren haben sich bei der Zentralstelle für gewerblichen Rechtsschutz in München registriert. In ihrem Auftrag achtet der Zoll gewissermaßen als Dienstleister an der Grenze bei der Einfuhr von Waren ins Bundesgebiet auf Verstöße. Wenn der Rechteinhaber anordnet, die Plagiate zu vernichten, sorgt der Zoll dafür - aber auf Kosten des Auftraggebers.

Dass 24 000 Kopie-Flakons und Creme-Döschen noch in der Asservatenhalle lagern, liege an der komplizierten Entsorgung, erklärt die Zollsprecherin. „Bisher haben wir die Flakons schreddern lassen. Die Firma bekommt die Reste aber anschließend nicht verkauft. Nun muss das gefälschte Parfüm als Sondermüll wohl in eine Müllverbrennungsanlage, was die Entsorgung teurer macht und mit den Rechteinhabern abgestimmt werden muss.

Der Parfümduft mischt sich im Lager mit dem Geruch von Tabak - dem Hauptschmuggelgut an der deutsch-polnischen Grenze. Sechs Millionen Zigaretten beschlagnahmte das Frankfurter Hauptzollamtes im Vorjahr. 2019 entdeckten sie bereits auf einem einzigen Transporter zwei Millionen Glimmstängel, erzählt Pinz.

Markenpiraterie spiele eine untergeordnete Rolle. „Die meisten Plagiate finden wir im Postverkehr“, sagt sie. Die mobilen Zoll-Kontrollgruppen können an der 260 Kilometer langen Grenze nur stichprobenartig agieren, die Dunkelziffer sei hoch.

Ruppmann hat noch eine ganz andere Befürchtung. „Wenn China seine neue Seidenstraße umsetzt, kommen die Züge aus Asien über Frankfurt (Oder) nach Deutschland. Wer will da noch kontrollieren, was da wirklich transportiert wird?“

Um Verbraucher über Markenpiraterie aufzuklären, ist der Verband am 31. August erstmals beim Tag der Offenen Tür im Hauptzollamt dabei und will auch vor unbekannten Inhaltsstoffen in den Kosmetik-Fälschungen warnen. „Die Käufer tragen das Zeug bedenkenlos auf die Haut auf, ohne zu wissen, was drin ist. Gibt es danach Gesundheitsprobleme, fällt das auf den eigentlichen Markenhersteller zurück und schädigt seinen Ruf“, gibt Ruppmann zu bedenken.

Fälschungen von Markenprodukten seien ein gewaltiges Problem, bestätigt Peter Gretenkord vom Aktionskreis gegen Produkt- und Markenpiraterie und verweist auf Studien. Demnach seien fast sieben Prozent der die Europäische Union importierten Waren im Wert von 121 Milliarden Euro Fälschungen. Die Schäden für deutsche Unternehmen lägen bei rund 50 Milliarden Euro pro Jahr. „Sie investieren in Forschung, Entwicklung und Marketing der produkte, die Fälscher haben diese Kosten nicht.“

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