Zeitzeugen erinnern sich im Gefängnis

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11. Dezember 2010, 01:57 Uhr

Cottbus | Das frühere Cottbuser Gefängnis ist in seiner über hundertjährigen Geschichte lange Zeit ein Ort der Unterdrückung gewesen. "Ein Gefängnis mitten in der Stadt und keiner bekommt mit, was hinter diesen Gefängnismauern passiert", erinnert sich Ex-Häftling und CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski gestern bei einer Besichtigung der ehemaligen Hafthäuser. Unter Leitung von Sylvia Wähling, Geschäftsführende Vorsitzende des Menschenrechtszentrum Cottbus, besichtigten die Mitglieder der Enquete-Kommission des Landtags zur Aufarbeitung der Nachwendezeit die Haftanstalt. Zeitzeugen erinnern sich dabei an ihre menschenunwürdige Unterbringung zu DDR-Zeiten. Dieses unbekannte Leiden soll in Zukunft nicht vergessen werden.

"Wir wollen in den nächsten Jahren in dem ehemaligen Zuchthaus eine Gedenk- und Bildungsstätte eröffnen", kündigt Wähling an. Die 48-Jährige stellt den Landtagsabgeordneten die Pläne für die Zukunft vor. Das rund 22 000 Quadratmeter große Gefängnisareal soll gekauft und umgestaltet werden. Für das Vorhaben sind bereits Landes- und Bundesfördermittel aus dem Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der DDR (PMO) in Höhe von 2,2 Millionen Euro beantragt worden, erklärt Wähling.

Um einen kleinen Vorgeschmack für das große Vorhaben des Cottbuser Menschenrechtszentrums zu bekommen, beginnt die Tagung mit einer Führung. Dombrowski, zu DDR-Zeiten politischer Häftling, führt die Kommissionsmitglieder und Gäste an die markanten Orte der Unterdrückung in zwei Diktaturen. "Hier habe ich über 400 Tage in einem der berüchtigten Tigerkäfige gesessen", zeigt Schriftsteller Sigmar Faust im Haus 4 den Besuchern. Wegen staatsfeindlicher Hetze musste der jetzt 65-jährige Faust die meiste Haftzeit zwischen 1974 und 1976 in dem dunklen Kellerloch verbringen. "Hier standen nur ein Hocker und ein kleiner Tisch", schildert Faust. Das Holzbett wurde am Tage an die Wand geklappt. Der Gefangene war durch einen Gitterkäfig von der Zellentür getrennt und mutterseelenallein. "Diese menschenunwürdigen Haftbedingungen wollen wir allen Leuten zeigen", sagt Dieter Dombrowski. Auch eine Zelle, wo 28 Gefangene zu DDR-Zeiten auf einer Fläche von 40 Quadratmetern eingepfercht waren, soll wieder originalgetreu hergerichtet werden. In den wichtigsten Hafthäusern und Gebäuden sollen Sonderausstellungen über die Geschichte des Zuchthauses vom Jugend- und Frauengefängnis bis zum Stasi-Knast während der DDR-Diktatur zu sehen sein.

Während der Honecker-Ära waren in dem Cottbuser Zuchthaus rund 80 Prozent der eingesperrten Menschen politische Gefangene. Vier Zeitzeugen berichten vor der Enquete-Kommission und den Schülern des Cottbuser Gymnasiums ihre Erlebnisse mit der Staatssicherheit und während Haft in dem zweitgrößten DDR-Gefängnis. "Eine kleine Verletzung ist eine Wunde", sagt der ehemalige politische Häftling Gerd Korsowski aus Lübbenau. "Was uns hier in Cottbus während der Haft zugefügt wurde, hat jedoch große und unheilbare Narben hinterlassen", schildert der ehemalige Häftling.

Die Mitglieder der Enquete-Kommission waren tief beeindruckt. "Wir werden die Einrichtung der Gedenkstätte in dem Cottbuser Gefängnis unterstützen", sagt die Ausschussvorsitzende Susanne Melior (SPD) im Namen der Kommission.

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