zur Navigation springen

Sankt-Georg-Kapelle Neuruppin : Zeitreise mit Einschusslöchern

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Stiftungsverein öffnet Kugel vom Turm der Sankt-Georg-Kapelle. Die Funde darin sind 130 Jahre alt

svz.de von
erstellt am 24.Okt.2016 | 05:00 Uhr

Neuruppin Wenn das mal kein historischer Moment war, der sich in der Treskower Werkshalle bei Metallbau Brehm abspielte. Dort öffneten die Mitglieder des Stiftungsvereins der Sankt-Georg-Kapelle erstmals die alte Wetterkugel samt Zeitkapsel. Sie erhofften sich neue Erkenntnisse – und wurden nicht enttäuscht.

Während viel über das 1362 erbaute Gotteshaus bekannt ist, geben der Turm und die Wetterkugel den Historienfreunden immer noch einige Rätsel auf. Denn die Kapelle wurde seinerzeit zunächst ohne den Glockenturm gebaut. Doch wann der dazu kam, kann nicht einmal Architekt Norbert Bünger vom Büro „Uns Hüsing“ mit Sicherheit sagen.

Sicher ist: Ähnlich skandinavischen Stabkirchen, war der Turm früher mit Eichenschindeln beschlagen. So wird er auch wieder hergestellt. Zu DDR-Zeiten war Dachpappe verwendet worden. Die gilt garantiert nicht als historisch verbrieft.

Bei Metallbau Brehm schlug dann die Stunde der Wahrheit. Jürgen Brehm und sein Unternehmen zeichnete bereits für die Stahlkonstruktion verantwortlich, die das kleine, in eine Schieflage geratene Gotteshaus nun stützt. Brehm wird auch sehen, was von Gestänge, Kugel und Wetterfahne wiederverwendet werden kann.

Schon von außen war deutlich sichtbar, dass die Kugel einige Einschusslöcher aufwies. Die stammten womöglich von Soldaten. „Es war seinerzeit eine beliebte Beschäftigung unter Soldaten, auf solche Kugeln zu schießen“, erklärte Architekt Bünger. „Soldaten waren immer schon auch große Jungs.“ Fest steht, die Schusslöcher stammen nicht von einer Kalaschnikow. Sie sind kleiner und demnach mutmaßlich älter. Eins war bereits zugelötet. Das heißt, die Kugel muss bereits einmal repariert worden sein.

Die Turmzier selbst besteht offenkundig aus Kupfer. Da allerdings die charakteristische grüne Patina fehlte, gehen die Geschichtsfreunde davon aus, dass sie in irgendeiner Form beschichtet gewesen sein muss. Die Wetterfahne weist derweil eine Jahreszahl von 1858 aus, muss also etwas älter sein.

Mit etwas Gewalt ließ sich die Zinnkapsel im Inneren schließlich öffnen. Darin enthalten: ein komplettes Bürgerverzeichnis von Neuruppin aus dem Jahr 1885, eine Ausgabe der „Märkischen Zeitung“ vom 17. Juni 1886 und zwei lange, handgeschriebene Briefe. In der Zeitung unter der Rubrik „Lokales und Provinzielles“ war unter anderem über ein Paar berichtet worden, das mit einem Ruderkahn auf dem See umgekippt war. Eine andere Meldung zeugte von einem nach vier Jahren endlich restlos verheilten Hautausschlag eines Patienten.

Der erste Brief beschrieb den Inhalt einer früheren Zeitkapsel. Demnach musste das Dach des kleinen Gotteshauses nach einem Sturm und Blitzeinschlag um 1793 erneuert werden. Bekannt waren bisher nur Reparaturarbeiten zu DDR-Zeiten um 1960 und ausgerechnet während des Ersten Weltkriegs.

Der zweite Brief beschrieb die allgemeinen Lebensumstände. Darin hieß es sinngemäß, mit Neuruppin ging es trotz einiger Beschwerden Ende des 19. Jahrhunderts im Deutschen Reich langsam, aber stetig, wieder bergauf. Unterzeichnet waren die Schriftstücke von einem Kurator des Sankt-Georg-Spitals namens Hartmut Behrendt, dem Spital-Vorsteher und Stadtrat C. Feige, dessen Vorgänger Heger und einem Stadtältesten namens C. Büchner. Alle Dokumente sind gut erhalten. Wegen des Erkenntniswertes war auch die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Neuruppiner Museums, Carola Zimmermann, gekommen.

Die Dokumente näher zu untersuchen, dürfte noch spannend werden. Demnächst werden Gespräche zwischen Zimmermann und der Vorsitzenden des Stiftungsvereins, Christine Dabitz, zu deren Zukunft stattfinden. Wahrscheinlich ist, dass sie in der sanierten Kapelle ausgestellt werden. Das gilt auch für die Wetterfahne. Am Turm installiert wird wohl eine neue. Die Glocke soll nach ihrer Sanierung ebenfalls an den angestammten Platz zurückkehren.

Die Sanierung des Kirchleins läuft derweil weiter. Der Stiftungsverein hatte dafür rund 100 000 Euro Spendengelder gesammelt. Der Bund gab etwa die gleiche Summe aus einem Denkmalschutzprogramm dazu. Mit der Fertigstellung wird 2017 gerechnet. Natürlich wird der Stiftungsverein mit einer neuen Zeitkapsel wieder Spuren für die Nachwelt hinterlassen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen