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Zwischen Frankfurt und Slubice : Zeitgeschichte am Ufer der Oder

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Deutsch-polnischer Verein baut Archiv menschlicher Schicksale aufbauen. Rund 1200 Biografien zusammengetragen

svz.de von
erstellt am 14.Nov.2017 | 10:00 Uhr

Edith Scheffler war als Kind einer sudetendeutschen Familie 1945 vertrieben worden. Über viele Stationen als Flüchtling im Nachkriegsdeutschland landete sie schließlich in Frankfurt (Oder), wo sie lange Jahre als Fürsorgerin für kinderreiche Familien arbeitete. Der Jude Marek Perelman ist in der Sowjetunion groß geworden. Als Spätaussiedler kam er 1995 nach Frankfurt (Oder) und baute in der Stadt eine neue jüdische Gemeinde auf. Die Polin Zofia Kliszczak wurde mit ihrer Familie 1945 von der Westukraine zwangsumgesiedelt, ins polnisch-deutsche Grenzgebiet.

Lebensgeschichten wie diese sind es, die der 2004 gegründete, deutsch-polnische Verein „My Life - erzählte Zeitgeschichte“ sammelt und bewahrt. Die 15 Mitglieder interviewen ehrenamtlich Zeitzeugen und archivieren ihre Biografien, um sie für nachfolgende Generationen zu erhalten. Rund 1200 Schicksale von Bewohnern beiderseits der Oder sind bereits zusammengetragen, aufgeschrieben und in Buchform festgehalten, sagt Initiator Krzysztof Wojciechowski. Viele Ereignisse, Entwicklungen und auch Fehler in der gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichte ließen sich am besten über die persönliche Erinnerung bewahren, meint der aus Polen stammende und in Frankfurt lebende Wissenschaftler und Autor.

Untergebracht ist das einzigartige Archiv in der deutsch-polnischen Forschungseinrichtung Collegium Polonicum der polnischen Grenzstadt Slubice, dessen Verwaltungsdirektor der studierte Philosoph Wojciechowski ist. Die Sammlung ist für jedermann nutzbar, vor allem Journalisten und Wissenschaftler würden davon bereits regen Gebrauch machen.„Für Dokumentationen im Fernsehen werden solche Schicksale gebraucht. Aber auch eine Theaterregisseurin hat bei uns für ein neues Stück über Vertreibung und Migration recherchiert“, sagt Wojciechowski. Zudem soll das deutsch-polnische Vorbild jetzt an der amerikanisch-mexikanischen Grenze nachgeahmt werden.

Doch inzwischen ist auch der Vereinschef etwas ernüchtert, denn das Archiv wächst nur noch mühsam. Weitere Mitstreiter, die die zeitaufwendigen Interviews führen und aufschreiben sowie übersetzen, könnte der Verein gut gebrauchen.

„Die meisten von uns sind berufstätig oder schon älter“, erzählt die polnische Studentin Karolina Stanek. Die 24-Jährige aus Stettin ist seit drei Jahren bei „My life“ dabei und inzwischen Vize-Vereinschefin. „Ich habe meine Großeltern nie kennengelernt, die mir aus ihrem Leben hätten erzählen können“, begründet sie ihr Engagement. Persönliche Einzelschicksale würden sie einfach mehr interessieren als historische Abhandlungen, sagt Stanek.

Um etwas Unterstützung zu gewinnen, wurden Projekte mit Schülern initiiert, die ihre Großeltern interviewen sollten - offenbar mit wenig Erfolg. „Interesse und Können sind halt zwei verschiedene Sachen“, deutet die junge Studentin an. Ähnliche Projekte wurden mit Studenten der Frankfurter Europa-Universität „Viadrina“ in speziellen Seminaren angeschoben. Doch deren Interesse hielt nur so lange, wie es für ihr Studium notwendig war.„Wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir dafür sorgen müssen, dass “My Life„ nicht komplett eingeht“, sagt der 61-jährige Vereinschef.

Dabei drängt die Zeit, weitere Schicksale festzuhalten. „Die Generation, die Krieg, Gefangenschaft, Nachkriegszeit, Verfolgung oder Vertreibung erlebt hat und davon erzählen kann, stirbt langsam aus“, betont Wojciechowski. Erste Abstriche an der Vereinsarbeit hat er bereits machen müssen.

Eine langjährige, betagte Mitstreiterin hat sich in den Ruhestand verabschiedet. Sie hatte Zeitzeugen vor Jahren dazu bewegen können, aus ihrem Leben vor Publikum zu erzählen. „Nichts ist berührender als das Schicksal des Einzelnen, wenn er selbst davon berichtet“, hat der Vereinschef in mehr als 50 Erzählnachmittagen beobachtet. Die monatliche Veranstaltungsreihe in der Frankfurter Stadtbibliothek war stets gut besucht. „Es wird keine weiteren Ausgaben davon mehr geben“, muss Wojciechowski jetzt zugeben.

Regelrecht bestürzt reagiert der Frankfurter Stadtsprecher Martin Lebrenz. „Wenn der Verein nicht wäre, würde uns viel Wissen über die regionale Historie verloren gehen. Viele dieser interessanten Persönlichkeiten bestimmen ja noch heute das Stadtleben“, sagt er. Zu ihnen gehört Peter Fritsch, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates in Frankfurt.

Der ehemalige Stadtverordnetenvorsteher (SPD) war im Frühjahr einer der letzten, der in der Stadtbibliothek aus seinem Leben erzählte. Eine Tatsache, die ihn nun überrascht. „Ich fände es bedauerlich, wenn diese interessante Vereinsarbeit den Bach runtergeht“, sagt er. Stadtsprecher Lebrenz will sich jetzt mit dem Frankfurter Freiwilligenzentrum in Verbindung setzen. „Dort melden sich immer wieder Leute, die sich gern ehrenamtlich engagieren wollen, aber nicht so richtig wissen, wo.“

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