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Jubiläum : Zehn Jahre per Fähre über die Oder

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

„Bez Granic“ pendelt von April bis Oktober über den Grenzfluss. Die einzige schwimmende Verbindung ist bei Radtouristen beliebt.

Über die Oderfähre bei Güstebieser Loose (Märkisch-Oderland) weiß Heino Hille gut Bescheid. In einem kleinen Holzhäuschen am Oder-Neiße-Radweg gibt er Touristen unter anderem Auskunft über die einzige Fähre auf dem Grenzfluss. Seit zehn Jahren ist sie auf der Oder unterwegs. „Fähre fahren ist ein Erlebnis“, sagt Hille voller Überzeugung - dabei ist er noch nie mit der Oderfähre gefahren. „Ich traue mich einfach nicht“, gibt er zu.

Manchmal kann Hille die vielen Anfragen der Touristen kaum beantworten, so viele sind es. Zudem zählt er im Auftrag der Arbeitsinitiative Letschin die Radfahrer. „Jetzt in der Urlaubssaison sind es täglich so 150“, erzählt er. Viele Touristen fragen ihn nach der Oderfähre, die einem kleinen Schaufelraddampfer ähnelt. „Das ist nach zehn Jahren so etwas wie ein Wahrzeichen der deutsch-polnischen Grenzregion geworden“, sagt Hille mit hörbarem Stolz.

Von seinem Häuschen aus führt die Zufahrtsstraße über die Oderwiesen zum Fähranleger. Fußgänger, Radfahrer und Fahrzeuge mit einem Gewicht bis zu 3,5 Tonnen dürfen mitfahren. Hille erzählt interessierten Gästen „aus ganz Deutschland“, was sie sich auf der polnischen Seite anschauen können und welche Wege Radwanderer nehmen sollten, um entlang des Flusses weiter nord- oder südwärts zu kommen.

Jährlich befördert die Fähre von April bis Oktober rund 15 000 Passagiere. Das gefahrlose Übersetzen an dieser Stelle hat Tradition. Bis 1945 war Güstebiese ein prächtiges Dorf an der östlichen Oderseite, beliebt bei Berliner Sommergästen. Am gegenüberliegenden Ufer gab es lediglich einige Loosegehöfte, die per Fähre auf dem kürzesten Wege zu erreichen waren. Mit Ende des Zweiten Weltkrieges wurde aus dem zerstörten Güstebiese das kleinere polnische Gozdowice, die Oder zur Grenze und aus den einzelnen Gehöften auf der westlichen Flussseite das deutsche Dörfchen Güstebieser Loose.

Leicht hatte es die deutsch-polnische Fähr-Neuauflage des Amtes Barnim-Oderbruch und der Stadt Mieszkowice anfangs nicht. Das lag nicht zuletzt an der Unberechenbarkeit der Oder: Schwankende Wasserstände zwangen das kleine Schiff polnischer Produktion oft, im Hafen zu bleiben. „Aus technischen Gründen verkehrt die Fähre derzeit nicht“, hieß es dann auf der Internetseite des Amtes Barnim-Oderbruch. Schon der Start war holperig. Hatte doch die polnische Werft, die die Fähre baute, die Fließgeschwindigkeit des Grenzflusses falsch berechnet, so dass die Getriebeübersetzung nicht stimmte.

Inzwischen sind diese Probleme überwunden, in der aktuellen Saison gab es nach Angaben von Agnieszka Ruchniak von der Stadtverwaltung Mieszkowice noch keine Ausfälle. „Touristisch gesehen ist die Fähre für uns ein Gewinn. Das merken wir an den vielen deutschen Radtouristen in unserer Stadt“, sagt sie. Nach ursprünglichen Plänen sollte längst ein komfortabler Radweg vom Fährörtchen Gozdowice in das weitaus größere Mieszkowice führen. Doch die beantragten EU-Fördermittel sind bisher nicht bewilligt. Das gelte auch für die deutsche Seite, sagt Vize-Amtsdirektorin Sylvia Borkert. Der neue Radweg von Neulewin nach Güstebieser Loose existiert bisher nur als Planung.

Ein prestigeträchtiger Info-Service-Punkt auf deutscher Seite, für den der damalige Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck den ersten Spatenstich vollzog, ist Geschichte. „Den braucht doch keiner“, sagt Borkert und verweist auf Erfahrungen am polnischen Oderufer. Im früheren Dienstgebäude des Zolls war eine ähnliche Service-Station eingerichtet und wegen geringer Nachfrage wieder geschlossen worden.

Trotz dieser gescheiterten Pläne ist die stellvertretende Amtschefin stolz auf das Fährprojekt, „Aushängeschild einer 25 Jahre andauernden, engen Zusammenarbeit mit Polen. Wir profitieren auf beiden Seiten der Oder eindeutig davon. Das merken wir an den vielen Gästen“, sagt sie.

Immerhin, sagt Borkert, ist das Fährprojekt das einzige am Grenzfluss, das realisiert wurde. Bemühten sich doch auch die deutschen Oder-Anrainer Kienitz, Lebus (Märkisch-Oderland) und Aurith (Oder-Spree) um die Wiederaufnahme alter Fährverbindungen, die es bis 1945 in diesen Orten gegeben hatte.

Bisher aber vergeblich. Auch wenn nicht alle Pläne aufgingen, wird das zehnjährige Jubiläum der Fährverbindung „Bez Granic“ („Ohne Grenzen“) am 5. August mit einem deutsch-polnischen Fest am Oderufer von Güstebieser Loose gefeiert.

 

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erstellt am 07.Aug.2017 | 05:00 Uhr

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