Kampf gegen das Bombodrom : Zehn Jahre Himmel ohne Lärm

Der frühere Gefechtsbeobachtungspunkt auf dem Bombodrom-Gelände. Mit einer Ausstellung, Wanderungen und anderen Aktionen wird in der Region Wittstock an den friedlichen Protest gegen das geplanten Luft-Boden-Schießplatz erinnert.
Der frühere Gefechtsbeobachtungspunkt auf dem Bombodrom-Gelände. Mit einer Ausstellung, Wanderungen und anderen Aktionen wird in der Region Wittstock an den friedlichen Protest gegen das geplanten Luft-Boden-Schießplatz erinnert.

Wo einst Sowjet-Kampfflugzeuge schossen, wollte die Bundeswehr nach 1990 auch Tiefflüge trainieren / das Aus für das Bombodrom

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08. Juli 2019, 05:00 Uhr

Der Eurofighter-Absturz an der Müritz und die Feuer bei Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern treiben auch vielen Menschen am früheren „Bombodrom“ bei Wittstock Sorgenfalten auf die Stirn. In dem Zusammenhang wollen am 9.  Juli die Begründer der jahrelangen Proteste gegen den geplanten Luft-Boden-Schießplatz an das Planungs-Aus vor zehn Jahren erinnern.

„Wir haben scheinbar alles richtig gemacht damals“, sagt der langjährige Landrat Christian Gilde, der die Proteste der Initiativen „Freie Heide“ und „Freier Himmel“ mit angeschoben hatte. Die Region südlich der Müritz habe jetzt „einen Himmel, der keinen Lärm macht.“ So habe sich Tourismus langsam entwickeln können, aber Schlagbäume dominieren auf dem Gelände immer noch.

Im Brandfall würde das Löschen auf dem rund 12 000 Hektar großen Ex-Schießplatz kompliziert: Es liegt wie bei Lübtheen tonnenweise Munition im „Bombodrom“. „Das Beräumen ist eine Generationenaufgabe“, sind sich Gilde und Wittstocks Bürgermeister Jörg Gehrmann einig.

Nach 1945 hatte die Rote Armee die dünn besiedelte Heide zwischen Neuruppin, Rheinsberg, Mirow und Wittstock besetzt. Jahrzehntelang trainierten Piloten Schießen und extreme Flugmanöver. Anwohner mussten Flug- und Panzerlärm ertragen, manche Geschosse verfehlten Ziele und schlugen in Gebäude ein. Es gab mindestens einen Jagdflugzeugabsturz und fast 300 Panzer, die sich in der Region verfahren hatten. „Das mit dem Fluglärm wäre mit der Bundeswehr nicht anders geworden“, so Gilde.

Der damalige Brandenburger Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) habe ihm den Tipp gegeben, dass die Bundeswehr das „Bombodrom“ übernehmen wollte. 17 Jahre dauerte der Widerstand, mehr als 100 Protestwanderungen gab es. Manchmal, aber zu selten, meint Gilde, war der damalige Potsdamer Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) da. Zeitweise waren die Osterwanderungen die größten in Deutschland.

Am 9. Juli 2009 war es soweit: Die Bundeswehr mit Minister Franz-Josef Jung (CSU) verzichtete auch angesichts gerichtlicher Niederlagen auf das „Bombodrom“. „Da haben wir in Schweinrich gefeiert, wo alles begann“, erinnert sich Gilde. Schilder erinnern in Mecklenburg und Brandenburg an dieses Datum.

Inzwischen ist einiges passiert, aber den meisten Anwohnern nicht genug. So ist die alte Straße zwischen Gadow und Gühlen-Glienicke gesperrt. „Keiner kann garantieren, dass Passanten von der Straße nicht in das Umfeld gehen, dort wird es gefährlich“, zeigt Gehrmann Verständnis für die Bundesbehörde, die für die Munitionsräumung zuständig ist.

Etwa die Hälfte der Fläche - vor allem im Norden - gehört zu Wittstock, der Rest zu Rheinsberg, Neuruppin und anderen. Im Süden geht es am besten voran, wo die Sielmann-Stiftung rund 4000 Hektar zur Bewirtschaftung übernahm. Bei Pfalzheim wurde kürzlich der erste Aussichtsturm eröffnet, der weite Blicke in eine Idylle ermöglicht, in der die Stille Besucher besonders berührt.

Statt lauter Triebwerke von Militärjets sind meist nur Pferdehufe und ihr Trappeln bei Kremserfahrten zu hören. „Die Ansätze der Heide sind in diesem Jahr sehr gut. Ab Mitte August zeigen sich die ersten zart lila Blüten“, sagt Jörg Müller, der bei der Stiftung das Projekt Naturschutz und Technik betreut. „Nationales Naturerbe“ heißt das Vorhaben der Stiftung. Nach und nach werden Wege von Munition beräumt, Rastplätze angelegt. Jetzt stehen 14 Kilometer öffentliche Wanderwege und vier Rastplätze bereit. Rund 500 000 Euro Spendengelder gibt die Stiftung nach eigenen Angaben für die Betreuung der Fläche aus, um Besuchern grandiose Naturerlebnisse zu bieten.

Wie auf anderen Ex-Militärflächen ist dabei die Natur selbst der „Feind.“ So würde das Gelände bald zugewachsen sein, wenn man Bäumen und Sträuchern nicht Einhalt gebietet. Im Stiftungsgelände wird deshalb gezielt Feuer gelegt, um die Verholzung der Heide zu verhindern - aber in der kalten Jahreszeit.

Eine Initiative aus Zempow im Norden des „Bombodroms“ kümmert sich unterdessen um die Historie des damaligen Widerstandes. Nach der Auflösung von „Freier Heide“ und „Freiem Himmel“ soll dort ein Museum entstehen, das an den friedlichen Bürgerprotest erinnert. Bis dahin können Gäste darüber mehr in der Kirche in Wittstock erfahren - dort gibt es eine Ausstellung. „Solch ein Protest, der weitgehend ohne persönliche Verletzungen blieb, wäre heute im Zeitalter von Facebook und Co. wohl nicht mehr möglich“, meint Gehrmann. „Für uns war der Widerstand aus Mecklenburg damals sehr wichtig“, betont der Ex-Landrat.

Rund um die Müritz wurde nach 1990 wieder eines der gefragtesten Urlaubsgebiete entwickelt. Auch daher sehen es Kommunalpolitiker wie der Bürgermeister von Waren an der Müritz, Norbert Möller (SPD), sehr kritisch, wenn Eurofighter oder Tornados über der Müritz wieder sehr tief fliegen.

Irgendwo müsse die Bundeswehr zwar üben, aber extreme Tiefflüge und riskante Manöver sollte nicht dort stattfinden, wo sich Tausende Urlauber erholen, meint Möller. Der jüngste Eurofighter-Absturz mit einem Toten bei Nossentiner Hütte hat viele Anwohner geschockt. „Wir sind nur knapp einer größeren Katastrophe entgangen“, sagt die Bürgermeisterin eines Dorfes, in dem Flugzeugteile auf etlichen Grundstücken und sogar neben der Kita gefunden wurden.

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