zur Navigation springen

Verschwundene Flüchtlinge : Zehn Iraker nie mehr aufgetaucht

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Großschleusung von Mitte September gibt weiter Rätsel auf. Einer der beiden Verdächtigen ist wieder frei

svz.de von
erstellt am 28.Okt.2017 | 07:00 Uhr

Der Schleuserfall vom 16. September, bei dem 51 Menschen auf einem Lkw entdeckt wurden, von denen 48 kurz darauf aus der Erstaufnahmeeinrichtung Eisenhüttenstadt verschwanden, sorgte für großes Aufsehen. Sechs Wochen später tappen die Behörden bei vielen Fragen dazu im Dunkeln.

Seit Mittwoch dieser Woche ist Rewan O. wieder ein freier Mann. Der 26-jährige Syrer war in der Nacht zum 16. September von der Bundespolizei verhaftet worden. Er stammte als einziger der im Laderaum eines türkischen Lkw zusammengepferchten 51 Menschen nicht aus dem Irak. Weil nur er ein Handy, etwas Bargeld und Papiere dabei hatte, stand er im Verdacht, mit dem Fahrer des Schleuser-Lkw unter einer Decke zu stecken.

Das Fahrzeug war einer Streife der Bundespolizei aufgefallen, die nahe der Grenze den Verkehr aus Richtung Polen auf der A12 beobachtet hatte. Der Anblick, der sich bei der Kontrolle des Lkw bot, war erschreckend: Zwischen Holzpaletten saßen dicht zusammengedrängt 20 Männer, 14 Frauen und 17 Kinder. Bis auf Rewan O. gaben sie an, aus dem Irak zu stammen und ihre Fahrt mit dem Schleuser-Lkw zwei Tage zuvor in Rumänien begonnen zu haben. Der 26-jährige Syrer behauptete, dass er mit auf den Lkw nach Deutschland gestiegen sei, weil ihm die rumänischen Behörden einen Asylantrag verweigert hätten. „Wir haben keine Beweismittel gefunden, die diese Behauptung widerlegen.“ Das räumt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder), Ricarda Böhme, ein. Sowohl die Auswertung der Handygespräche, die O. geführt hatte, wie auch die Aussagen der anderen Flüchtlinge hätten nicht bewiesen, dass der Syrer ein Schleuser ist. Eine Anfrage an die rumänischen Behörden sei von dort bisher nicht beantwortet worden. Deshalb habe man jetzt bei einem Amtsrichter beantragt, den Haftbefehl wieder aufzuheben. Weil O. einen in Rumänien ausgestellten Reiseausweis mit dreimonatiger Gültigkeit innerhalb der EU besitzt, darf er sich frei bewegen.

Für eine gründliche Befragung der meisten Iraker bestand nach dem Vorfall freilich keine Gelegenheit. Denn 48 von ihnen waren schon am Morgen des 18. September – einem Montag – aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt verschwunden, in die sie die Bundespolizisten nach dem Aufgriff gebracht hatten.

Die Leichtigkeit, mit der dieses Verschwinden möglich war – laut Zeugen wurden die Iraker von Verwandten oder Bekannten abgeholt – löste großes Erstaunen aus. Von den Behörden hieß es dazu lediglich, dass gegen die Betreffenden trotz ihrer illegalen Einwanderung kein Haftgrund vorliege und die Einrichtung in Eisenhüttenstadt nicht die Handhabe besitze, um Menschen festzuhalten.
Das Innenministerium in Potsdam gab sich mit der Vermutung zufrieden, dass die Iraker, bei denen es sich vor allem um Familien handelte, woanders im Bundesgebiet Asylanträge anstellen würden. Tatsächlich tauchten einige kurze Zeit später in Berlin, in Nordrhein-Westfalen oder weiteren Bundesländern auf. Insgesamt laut dem Innenministerium bisher 38 der 48 Iraker. Von zehn weiteren Personen fehlt bis heute aber jede Spur. Laut Thorsten Peters von der Bundespolizei „sind gegen alle strafmündigen geschleusten Personen im Rahmen der polizeilichen Erstbearbeitung Ermittlungsverfahren eingeleitet worden“. „Bei uns liegen noch keine Akten zu den Betreffenden vor“, sagt dagegen Staatsanwältin Böhme.

Lediglich der 46-jährige türkische Fahrer des Lkw befinde sich noch in Untersuchungshaft. Zu ihm gibt es einen kleinen Ermittlungserfolg. Laut Thorsten Peters habe sich der Verdacht ergeben, dass der Mann an einer weiteren Schleusung vom 30. August beteiligt war. An diesem Tag waren an der A12 bei Müllrose zwei Iraner und 18 Iraker festgestellt worden. Sie waren offenbar von ihren Schleusern ausgesetzt worden, irrten durch die Gegend oder warteten auf Bekannte.

Der durch die Vorfälle entstandene Verdacht, dass es inzwischen eine neue Schleuserroute gibt, die nicht mehr über den Balkan, sondern von Rumänien über Ungarn und Polen nach Deutschland führt, habe sich bisher nicht bestätigt, sagt der Bundespolizei-Sprecher. „Seit dem Vorfall vom 16. September gab es zumindest im Bereich der Bundespolizeidrirektion Berlin-Brandenburg keine ähnlichen Vorfälle.“

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen