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Neues Leben in alten Bahnhöfen : Wohnen, wo andere aussteigen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Um alte Bahnhofsgebäude, in denen niemand mehr wohnt, vor dem Verfall zu retten, verkauft die Bahn sie Stück für Stück

svz.de von
erstellt am 12.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Grauer Pferdeschwanz, Lachfalten, offenes Karohemd: Thomas Wittstock ist nicht das, was man sich unter einem typischen Immobilienunternehmer vorstellt. Aber der 63-Jährige ist einer - mit besonderen Immobilien: Wittstock kauft Bahnhöfe. An einem Sommertag steht er im Oderbruch vor dem Bahnhof Falkenberg/Mark, in den er selbst eingezogen ist. Das Empfangsgebäude ist eines von neun Bahnimmobilien, die Wittstock kaufte.

Wittstock tut an den Gebäuden, was nötig ist, und vermietet sie. Mit den Mieteinnahmen finanziert er den Kauf. „Ich hab' gesehen: Die lassen sich amortisieren“, sagt er. In vier bis fünf Jahren sei der Kaufpreis abbezahlt. „Die Gebäude sind so, dass man sie mit relativ geringem Aufwand vermieten kann“, sagt er. „Zumindest, wenn man nicht zwei linke Hände hat.“ Seit längerem verkauft die Bahn nach und nach Bahnhofsgebäude, die sie nicht mehr braucht. Mehr als 2100 Empfangsgebäude wechselten seit 1999 den Besitzer. Käufer sind Privatleute, Unternehmen und Kommunen. Die neue Nutzung hängt vom Käufer ab: In Bad Saarow (Oder-Spree) sitzt im alten Bahnhof das Standesamt, in Bad Wilsnack (Prignitz) die Touristen-Information und ein Bistro.

Andere alte Bahnhofsgebäude in ganz Deutschland werden als Groß-WG, Veranstaltungsbühne oder Atelier genutzt - wie der Bahnhof von Thomas Wittstock in Falkenberg. Seine Lebensgefährtin Ariane Boss ist Künstlerin und hat ihren Arbeitsplatz im Erdgeschoss des alten Stellwerks eingerichtet.

Auf die Idee, in alte Bahnhöfe zu investieren, kam Wittstock zufällig, als er nach einem neuen Wohn- und Arbeitsraum für sie suchte. Er habe festgestellt, dass sich in Ostdeutschland viele alte Bahnhöfe relativ günstig kaufen ließen. Erst erwarb er einen Wohnblock mit Bahnbeamten-Wohnungen, dann kamen Empfangsgebäude hinzu. „Wir haben das eine gesucht und das andere gefunden“, sagt er. Auf dem Gelände des Falkenberger Bahnhofs wohnen mit allen Untermietern bereits zwei Dutzend Menschen.

Wenn ein Bahnhofsgebäude verkauft wird, heißt das aber nicht, dass am Bahnhof keine Züge mehr halten. In Falkenberg hält zweimal stündlich die Regionalbahn. Nur stammen die meisten Empfangsgebäude, welche die Bahn verkauft, aus dem Dampflokzeitalter. Wo es früher Stationsvorsteher, Schalterbeamte und Gepäckabfertiger brauchte, reichen heute an ländlichen Haltepunkten ein Bahnsteig und ein Fahrkartenautomat.

Damit muss kein Bahnpersonal mehr im Bahnhof wohnen. Die Gebäude aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind damit zu groß und für den Betrieb überflüssig.

In Falkenberg ersetzt ein Wartehäuschen „Marke Bushaltestelle“ - so Wittstock - das Empfangsgebäude. Der Bahnbetrieb läuft vor seiner Tür weiter. Der Lärm der Züge stört ihn nicht. „Die meisten Leute wohnen doch an einer Straße, wo es den ganzen Tag tost.“ Die regelmäßige Regionalbahn gebe dem Leben hingegen einen Rhythmus: „Der Zug um halb elf ist unser Gute-Nacht-Zug - wenn der da war, kann man getrost ins Bett gehen.“

Darüber, was die Bahn mit dem Verkauf der alten Bahnhöfe verdient, hüllt sie sich in Schweigen. Besonders viel ist es wohl nicht. Fokus bei den Verkäufen sei es, wirtschaftliche und andere Risiken für die Bahn zu reduzieren, sagt ein Sprecher. Die Bahn will vor allem verhindern, dass die nicht mehr benötigten Gebäude sie weiter Geld kosten. 

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