Wohnen über Sprembergs Dächern

Im ehemaligen Spremberger Wasserturm hat sich Matthias Steinicke mit seiner Familie auf sechs Etagen eine Wohnung eingerichtet. Ulrike Worlitz
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Im ehemaligen Spremberger Wasserturm hat sich Matthias Steinicke mit seiner Familie auf sechs Etagen eine Wohnung eingerichtet. Ulrike Worlitz

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25. September 2010, 01:57 Uhr

Spremberg | Es gibt Häuser, die sind außergewöhnlich - wegen ihrer Bauweise, ihrer Nutzung oder ihrer Bewohner. Für die Reihe "Anders Wohnen in Brandenburg" besuchen wir Menschen in der Mark in ihren vier Wänden.

Matthias Steinicke aus Spremberg im Landkreis Spree-Neiße liebt das Außergewöhnliche. "Ich wollte nie ein Haus wie aus einem Katalog", erzählt der 34-Jährige. Seinen Traum hat er sich erfüllt: Seit 2006 wohnt er mit seiner Frau Birgit und Tochter Madeleine (7 Jahre) in einem ehemaligen Wasserturm in Spremberg. Auf etwa 200 Quadratmetern erstreckt sich der Wohnbereich der jungen Familie. Zehn Zimmer verteilen sich auf fünf neuneckige Etagen. Um die Wendeltreppen herum winden sich die Küche, das Wohn- und Esszimmer ebenso wie das Kinder- und Gästezimmer. Auch das Bad ist halbrund. Keine Etage gleicht der anderen, weder in der Farbe noch Einrichtung. Bunte Dekorationen und unterschiedliche Tapeten schmücken die Wohnräume - auch um sie optisch voneinander zu trennen, denn nicht überall gibt es Türen.

Die Treppen ändern stets ihre Richtung - rund 80 Stufen müssen Bewohner und Besucher von ganz unten nach ganz oben bewältigen. "Mittlerweile merke ich die gar nicht mehr", sagt Steinicke beiläufig. "Aber ich bin schon richtig schnell geworden", fügt er hinzu und grinst. Doch nicht für jedes Anliegen muss er Treppen laufen: In jeder zweiten Etage ist eine Sprechanlage installiert.

Einmal oben angelangt, wird man auf 24 Metern Höhe mit einer tollen Aussicht über die Dächer Sprembergs belohnt. In der sechsten Etage unter dem kuppelförmigen Dach ist derzeit ein großes Gemeinschaftszimmer im Bau. "Vielleicht mache ich daraus einen Partyraum", sagt Matthias Steinicke. Der Diplomingenieur für Architektur steckt auch vier Jahre nach dem Einzug viel Arbeit in seinen Wasserturm. "Wir haben alles selbst gebaut oder getischlert", sagt er und erinnert sich an die Anfangszeiten. Verwandte, Kollegen und Freunde hätten ihn unterstützt. Die halbrunden Sonderanfertigungen wären sonst nicht bezahlbar gewesen. Als Matthias Steinicke die Immobilie im Jahr 2005 vom Spremberger Wasser- und Abwasserzweckverband erworben hatte, war der Turm komplett sanierungsbedürftig. "Ein hohler Vogel", so Steinicke. "Nur die Außenfassade und das Dach standen da, sonst nichts." Die Bauarbeiten dauerten etwa ein sechs Monate. Etage für Etage arbeiteten sie sich vor. Decken und Treppen wurden eingezogen, Fenster eingebaut. Einmal oben angekommen, war dann klar, dass auch das Dach erneuert werden musste.

Jede Schweißperle war es wert, davon ist Matthias Steinicke überzeugt. Er liebt seinen Wasserturm, und auch seine Frau ist mittlerweile zufrieden. "Zu Beginn war sie gar nicht begeistert. Ich habe ihr dann Skizzen gezeichnet und ein Holzmodell gebastelt, damit sie sich vorstellen konnte, wie es sein wird, auf so vielen Etagen zu wohnen", schildert er. Den Turm kannte er bereits seit seiner Kindheit. Aufgewachsen ist er nämlich nur ein paar Häuser weiter. "Als der Turm dann mehrere Jahre lang leer und zum Verkauf stand, habe ich zugegriffen", so Steinicke.

Die vertikale Wohnform hat abgesehen von dem besonderen An- und Ausblick weitere Vorteile: Im Sommer bleibt es im Turm angenehm kühl, sagt Steinicke, da die große Oberfläche des Mauerwerks mehr Wärme aufnehmen kann als ein gewöhnliches Haus. Im Winter wiederum seien die Wände gut gedämmt. Wärmepumpen und Fußbodenheizungen halten die Räume warm. Und auch der sportliche Aspekt sei nicht zu unterschätzen: "Das Treppensteigen hält uns fit", sagt der 34-Jährige. Nur im Alter werden seine Frau und er das Haus wohl nicht mehr nutzen können, gibt er etwas wehmütig zu. "Mit einem Rollator kommt man hier nicht weit."

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