Zukunft für Beelitzer Heilstätten : Wohnen statt Gruselkrankenhaus

Eine Besuchergruppe geht an der ehemaligen Chirurgie auf dem Gelände der Beelitz-Heilstätten in Beelitz entlang.
Eine Besuchergruppe geht an der ehemaligen Chirurgie auf dem Gelände der Beelitz-Heilstätten in Beelitz entlang.

Die Lungenheilanstalt Beelitz überlebte einen Weltkrieg, Vandalismus und nächtliche Grusel-Touristen – Nun entsteht ein neuer Stadtteil

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15. Januar 2018, 05:00 Uhr

Thomas Lähns steuert seinen Wagen durch den Innenhof des früheren Heizkraftwerkes der Beelitzer Heilstätten. 750 Wohneinheiten sollen auf dem Areal der Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten Lungenheilanstalt bis 2028 entstehen. Dazu eine Schule, eine Kita und ein Supermarkt. „In den großen Städten kann es sich doch kaum mehr einer leisten zu wohnen“, sagt Lähns, Sprecher der Stadt Beelitz (Potsdam-Mittelmark). Auch ein Seniorenheim sei in dem neuen Wohnquartier im Kiefernwald geplant. Mit dem Bau soll noch in diesem Jahr begonnen werden.

Für Arbeitsplätze will der Landkreis sorgen. Vorgesehen ist ein neuer Verwaltungssitz mit 550 Mitarbeitern. Daneben sollen 900 Jobs auf rund 17 500 Quadratmetern Gewerbefläche entstehen - unter anderem im Männersanatorium und dem zentralen Badehaus der ehemaligen Heilanstalt. Das Areal ist gut angebunden. „Bald soll der Regionalexpress im Halbstundentakt fahren“, so Lähns. Die Linie verbindet Beelitz-Heilstätten mit Dessau und Berlin.

Ein Ausflug nach Beelitz-Heilstätten im Südwesten Brandenburgs gleicht einer Reise mit der Zeitmaschine: zurück zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Erbaut wurde die Anstalt für an Tuberkulose erkrankte Berliner Arbeiter. Die damals als Schwindsucht bekannte bakterielle Infektionskrankheit breitete sich rasend schnell aus.

Mediziner entdeckten jedoch, dass frische Luft und geistige Erholung den Patienten neben der Behandlung mit Medikamenten gut taten. Eine „Frischluft-Liegekur“ versprach, die tödliche Krankheit zu heilen. Da sich aber nur wenige Kuren in teuren Sanatorien leisten konnten, mussten Alternativen her. Beschlossen wurde der Bau einer Arbeiter-Heilanstalt in den Beelitzer Wäldern. Die Pläne für das 200 Hektar große Areal mit rund 65 Gebäuden entwickelten Ärzte und Schwestern mit. Die Architekten Heino Schmieden und Julius Boethke brachten Laufwege und Operationssäle in architektonische Gestalt.

Englischer Landhausstil, Fachwerkgiebel und Erker sollten Patienten das für die Heilung notwendige Wohlbefinden geben. Hoffnungsvolles Grün und lebendiges Orange - auch bei den Farben wurde an das Wohl der Patienten gedacht. Die großen Badesäle erinnern mit ihren runden Decken an ein türkisches Dampfbad. 1930 war der Bau beendet. 1200 Betten standen für Patienten bereit. Zu den Prominentesten unter ihnen zählten der im Krieg verletzte Adolf Hitler und der an Leberkrebs erkrankte Erich Honecker.

Wo Patienten früher Frischluft tankten, gibt es heute Picknickflächen. Krankenhausbetten wurden gegen Bänke und Tische ausgetauscht. Nördlich der früheren Heilanstalt beginnt ein 320 Meter langer Baumkronenpfad. „Eigentlich wollten wir nur ein Stück Wald kaufen“, erzählt Beate Hoffmann. Seit 2015 betreibt sie den Weg mit ihrem Mann Georg. Bei gutem Wetter können Besucher den Berliner Funkturm erblicken und am Abend den Sonnenuntergang betrachten. „Für die Beelitzer war die ehemalige Lungenheilanstalt lange Zeit ein Ufo“, sagt Hoffmann. Nachdem die Anstalt im Zweiten Weltkrieg als Kriegslazarett diente, wurde sie bis 1994 als Militärkrankenhaus von Russen genutzt. Nach deren Abzug hätten sich viele Bewohner gefragt, ob das Areal überhaupt zur Stadt gehöre, erinnert sich Hoffmann.

Stadt und Betreiber wollen die Heilanstalt jetzt wegbringen vom Grusel-Image einer spukenden Ruine. Als die Macher des neuen Horrorfilms „Heilstätten“ Beelitz als Drehort anfragten, wurde abgelehnt, sagt Holger Klementz vom Baumkronenpfad. Man wollte dem Denkmal keinen „Grusel-Stempel“ aufdrücken. Bereits vor einigen Jahren suchten Grusel-Touristen und Plünderer das Areal heim. Zerbrochene Fenster, abgesägte Treppengeländer, Graffiti an den Wänden - in den Beelitzer Heilstätten sind die Spuren des Vandalismus unübersehbar. Warnschilder und Wachschutz sollen nun dafür sorgen, dass der Ort seine barocke Eleganz bewahren kann.

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