Bauernbund : Wölfe bedrohen den Naturschutz

Reinhard Jung aus Lennewitz bangt um den Ausverkauf landwirtschaftlicher Nutzflächen und will den Wolf in Schach halten.
Reinhard Jung aus Lennewitz bangt um den Ausverkauf landwirtschaftlicher Nutzflächen und will den Wolf in Schach halten.

Reinhard Jung spricht über die aktuellen Themen des Bauernbundes: Ausverkauf von Flächen, Massentierhaltung, Wolfsverordnung

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21. Februar 2018, 09:35 Uhr

Politisch ambitioniert, provokant bei den Themen Wolf und Landverkäufe hat sich der Bauernbund Brandenburg als Interessenvertretung etabliert. In dieser Woche feiert er sein 25-jähriges Bestehen. Redakteur Hanno Taufenbach spricht mit Geschäftsführer Reinhard Jung über die aktuellsten Themen.

Herr Jung, 448 Mitglieder landesweit, davon 87 in der Prignitz. Wie kommt es, dass jedes fünfte Mitglied aus der Prignitz kommt?

Reinhard Jung: In der Prignitz sind gleich nach der Wende viele leistungsstarke bäuerliche Betriebe entstanden. Sicher spielt auch eine Rolle, dass Karsten Jennerjahn, der 16 Jahre unser Präsident war und den Bauernbund enorm voran gebracht hat, von hier stammt.

Was ist Ihr aktuell wichtigstes Thema?

Die EU-Agrarsubventionen und die Landkäufe durch Großinvestoren. Beide Themen sind eng miteinander verknüpft.

Findet dieser Ausverkauf von Flächen wirklich statt?

Ja, vor allem in Ostdeutschland steigen Investoren in Großbetriebe ein. Unsere bäuerlichen Betriebe sind für Geldanleger nicht so attraktiv, außerdem verkaufen wir nicht.

Haben Sie belastbare Zahlen?

Das Thünen-Institut hat in den Kreisen Teltow Fläming und Märkisch Oderland eine Untersuchung vorgenommen. Demnach befinden sich 20 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Händen von Eigentümern, die nicht in der Region leben.

Was ist daran so schlimm?

Die Wertschöpfung durch Landwirtschaft fließt aus der Region raus zu Eigentümern in Westdeutschland oder Holland – eine katastrophale Entwicklung.

Aber das haben wir im Bereich der Wirtschaft doch ganz häufig. Vor welchen konkreten Folgen haben Sie Angst?

Die Eigentümer geben ihr Geld nicht vor Ort aus, zahlen hier keine Steuern. Sie sind nicht mit der Region verwurzelt, werden sich hier wenig oder gar nicht engagieren. Hingegen sorgen bäuerliche Strukturen für eine lebendige Region, schauen Sie doch nur nach Bayern. Je mehr selbstständige Bauern, desto besser.

Welchen Einfluss kann die EU darauf nehmen?

Sie muss die flächenbezogenen Agrarsubventionen bis zu einer betrieblichen Obergrenze kappen. Die Grenze kann bei 500 oder 1000 Hektar liegen, wichtig ist, dass es sie gibt. Wir fordern, dass nur Landwirte die Gelder bekommen, die ortsansässig und nicht an weiteren Betrieben beteiligt sind. Dann würden die großen Investoren leer ausgehen.

Aber dann laufen doch bestehende große Agrarbetriebe ebenfalls Gefahr, keine Subventionen mehr zu bekommen?

Aber sie könnten reagieren und sich in mehrere Betriebe aufsplitten. Eine Holding im Eigentum auswärtiger Geldanleger kann das nicht.

Der Bauernbund bringt sich aktiv in die Debatte über Massentierhaltung ein. Welchen Ansatz verfolgen Sie?

Es ist einfach nicht zu bestreiten, dass Großanlagen Belastungen im Emissionsbereich mitbringen, hinzu kommt das hohe Transportaufkommen. In der Prignitz ist das Dorf Pinnow ein Beispiel. Wir sehen dort keine Kapazitäten für zusätzliche Tierhaltung. Das ist für die Einwohner in Pinnow und vergleichbaren Orten nicht zumutbar, die Ablehnung ist verständlich.

Wie wollen Sie den Konflikt lösen?

Über das Baugesetzbuch. Wir fordern ein Mitspracherecht für Gemeinden und Kommunen. Deren Abgeordnete sollen bei Bauvorhaben oberhalb der verpflichtenden Umweltverträglichkeitsprüfung entscheiden, ob eine Erhöhung der Tierbestände geht oder nicht.

Was heißt das?

Das sind Ställe über 300 Kühe, 3000 Schweine oder 80 000 Hähnchen. Ab dieser Größenordnung sollten Gemeinden mitreden. Bei anderen Bauten wie Tankstellen können sie das auch. Wenn man die baurechtliche Privilegierung der Landwirtschaft überdehnt, verliert man sie irgendwann ganz.

Besonders provokant hat sich der Bauernbund in den zurückliegenden Monaten zum Thema Wolf geäußert. Sie persönlich sind mit markigen Sprüchen aufgetreten. Jetzt gibt es in Brandenburg eine Wolfsverordnung, aber auch diese wird von Ihnen kritisiert...

...weil es eine wirkungslose ist. Die Politiker haben damit nichts für uns Weidetierhalter getan.

Als Beobachter bekommt man den Eindruck, Sie verfolgen sowieso nur ein Ziel: Abschuss der Wölfe. Oder korrigieren Sie mich bitte.

Wir fordern nicht die Ausrottung des Wolfes, aber wehren uns gegen eine Komplettbesiedlung des Landes. In der Wolfsverordnung können wir keinen Kompromiss erkennen.

Wie müsste dieser aus Ihrer Sicht aussehen?

Wo Menschen und Weidetiere sind, hat der Wolf nichts zu suchen. Wir brauchen wolfsfreie Zonen und müssen dafür das Raubtier in Schach halten, wie es in vielen anderen Ländern getan wird.

Der Wolf wird durch EU-Gesetze streng geschützt. Was sollte das Land Brandenburg Ihrer Meinung nach machen?

Der Schutzstatus ist hoch, aber die EU lässt Spielräume und die nutzt das Land mit der Wolfsverordnung nicht aus. Das Land hätte sich schützend vor die Weidetierhalter stellen und auch eine Klage riskieren müssen. Auf diese Weise hätten wir irgendwann Rechtssicherheit.

Schutzzäune und Herdenschutzhunde sind aus Ihrer Sicht wirkungslos?

Im Endeffekt ja, der Wolf wird Wege finden, um an seine Beute zu kommen und das kann man ihm nicht vorwerfen. Außerdem kostet ein Schutzzaun viel Geld und ist in manchen Anforderungen nicht praktikabel. Wenn zum Beispiel die erste stromführende Leitung nur 20 Zentimeter über dem Boden verläuft, bekommt sie Kontakt mit dem Gras. Dieses ständig kurz zu halten, ist Illusion.

Aber für gerissene Tiere wird Entschädigung gezahlt. Dann haben Bauern doch keinen finanziellen Verlust.

Das allein ist es nicht. Die Weidetierhaltung ist schon heute wirtschaftlich ein Grenzbereich, man muss Lust dazu haben. Steigt die Wolfspopulation weiter an, verlieren Bauern diese Lust und hören auf. Mit schlimmen Folgen für den Naturschutz, der auf extensive Beweidung angewiesen ist. Mit unserer Kampagne „wolfsfreiezone.de“ machen wir mehr für die Natur als NABU und BUND zusammen.

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