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Grabungen an der Autobahn : Wo Steinzeitmenschen kampierten

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Direkt an der Autobahn bei Rangsdorf wird nach 10 000 Jahre alten Feuersteinen gesucht

svz.de von
erstellt am 17.Apr.2017 | 05:00 Uhr

Einmal Rastplatz, immer Rastplatz – wo heute am südlichen Berliner Ring Lastwagenfahrer ihre Pausen machen, kampierten vor 10  000 Jahren Steinzeitmenschen. Derzeit wird das Areal bei Rangsdorf (Teltow-Fläming) erneut archäologisch untersucht.

Der Grabungsleiter redet nicht lange drum herum. „Eigentlich habe ich gern mehr in der Hand“, so Thilo Stapelfeldt. Scherben, Münzen, Reste von Bauwerken. Aber Archäologen können sich das nicht aussuchen, genauso wie es gemütlichere Gra-bungsorte gibt als den Grünstreifen direkt an der Autobahn. Fingerkuppengroße Splitter von Feuersteinen finden die Experten – nicht mehr und nicht weniger. So winzig die Boten aus der Mittelsteinzeit sind, die Geschichte dahinter ist groß.

Der Fundort Jühnsdorf ist seit Jahrzehnten europaweit für herausragende Spuren aus der Zeit der Jäger und Sammler bekannt. Unter anderem wurde hier die erste Feuerstelle aus jener Zeit in Brandenburg entdeckt. Bereits 1936 beim Bau der Autobahn und 1993 bei ihrer Erweiterung stießen Archäologen auf Spuren. Nun wird entlang der Fahrbahn ein neues Kabel verlegt, unter anderem für die Verkehrssteuerung. Und bevor gebaut wird, muss das Bodendenkmal dokumentiert werden.

„Wir hoffen auf weitere Mosaiksteine zum Verständnis des Gesamtbildes der damaligen Zeit“, sagt Grabungsleiter Stapelfeldt. „Wie saßen die Menschen hier beieinander? Wie und wo arbeiteten sie?“ Darüber soll die Verteilung der Funde Aufschluss geben.

Zu vermuten sei, dass die Steinzeitmenschen den Rastplatz über Jahrhunderte nutzten. Freilich ohne dort sesshaft zu werden und feste Bauten zu errichten. „Sie mussten immer weiterziehen, dorthin, wo es Nahrung gab“, erklärt Stapelfeldt. Möglicherweise schätzten sie den Ort, weil im Herbst Wildvögel vorbeizogen, die man jagen konnte. Auch die Nähe des Rangsdorfer Sees spielte wohl eine Rolle. Fische und Beeren dürften zur Nahrung der frühen Jühnsdorfer gehört haben.

So erzählen die Funde, die von den Archäologen aus dem märkischen Sand gesiebt werden, vor allem vom Werkzeugmachern. Spitzen für Pfeile und Harpunen – tagein, tagaus werden sie in mühseliger Arbeit von Feuersteinen diese scharfkantigen Stücke abgeschlagen haben. Angefallene Späne und mancher Ausschuss sind nun im Boden zu finden.

Um sie aufzuspüren, wird auf dem 130 Meter langen und fünf Meter breiten Untersuchungsgebiet nichts dem Zufall überlassen. Der Boden wird vermessen und kartiert. In Schichten von zehn Zentimetern wird er bis zu einem Meter tief abgetragen. Der beschriftete Aushub eines jeden Viertelquadratmeters kommt in einen schwarzen Eimer, wird gesiebt und die gefundenen Feuerstein-Stücke in Tüten geschüttet. Auch hier heißt es wieder: beschriften, beschriften, beschriften. Damit die Archäologen bei der späteren Auswertung wissen, was sie vor sich haben.

„Der Lärm ist belastend und ungefährlich ist es auch nicht so gleich neben den Lkw“, so Grabungstechnikerin Henrike Neumann. „Aber wir sind das gewohnt, haben oft ungewöhnliche Arbeitsorte, immer dort, wo gebaut wird“, fügt sie lächelnd hinzu.

Mathias Hausding

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