Wo Seebomben mitten im Wald lagern

Mitarbeiter einer Munitionsbeseitigungsfirma beräumen derzeit den früheren Truppenübungsplatz Lieberose.dpa
Mitarbeiter einer Munitionsbeseitigungsfirma beräumen derzeit den früheren Truppenübungsplatz Lieberose.dpa

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09. November 2010, 07:21 Uhr

Lieberose | Vorsichtig hebt Siegmund Bransch eine etwa 40 Zentimeter große Panzergranate vom Boden auf. Gewissenhaft schaut sich der 64-Jährige die alte, rostig-braune Munition an. Dann legt der Munitionsexperte sie in eine Kiste. Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Lieberose im Landkreis Dahme-Spreewald werden derzeit im Auftrag der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg Hunderte Tonnen alter Geschosse entsorgt.

Mitten im Wald - zwischen Birkenbäumen, Moos und Sträuchern - türmen sich meterhohe Berge alter Kampfmittel, die seit den 1960er-Jahren wahllos auf der so genannten "Höhe 100" abgelagert wurden. Auf dem einen halben Hektar großen Plateau liegen die Überreste von Panzergranaten, Patronen, Minen und Militärschrott. Bäume haben sich teilweise um alte Raketen gewickelt. "Wir gehen davon aus, dass etwa 500 bis 1000 Tonnen Kampfmittel und Altmetall auf dem Platz oberflächig abgelagert wurden", sagt Siegmund Bransch.

Er ist der zuständige Projektingenieur des Kampfmittelbergungsunternehmens Gerbera GmbH. Die Beräumungsarbeiten sollen Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Bransch hat viel Erfahrung im Umgang mit Munition. Bei der NVA war er 25 Jahre lang Pionier-Offizier. Er kennt nahezu jede Geschossart, die im vergangenen Jahrhundert in Mitteleuropa abgefeuert wurde. Seit 15 Jahren arbeitet er in der Kampfmittelbeseitigung. "Doch solche Berge, wie sie hier auf so kleiner Fläche lagern, sind mir noch nie begegnet", staunt der Experte.

In den ersten vier Wochen der Beräumungsarbeiten wurden den Angaben zufolge vom Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg 4995 Granaten, 9500 Patronenhülsen und 125 Tonnen Militärschrott entsorgt. 5918 Kilogramm Munition seien als gefährlich eingestuft worden, da sie Sprengstoff und undefinierbare Füllungen enthielten. Ein Großteil davon wurde auf einer nahegelegenen Freifläche mit Sprengungen entschärft. "Unter den gefundenen Kampfmitteln waren auch diese Übungsbomben", sagt Siegmund Bransch und zeigt auf drei am Boden liegende Sprengkörper. Ein paar Meter weiter bleibt er stehen und schüttelt ungläubig den Kopf: "Weshalb diese Seebomben hier lagern, ist eigentlich unerklärlich."

Die "Höhe 100" befindet sich im Bereich der südwestlichen Schießbahn und gehört zum Eigentum der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg. "Mit der Beräumung dieses gefährlichen Platzes setzt die Stiftung ihr Sicherungskonzept für den ehemaligen Truppenübungsplatz fort", sagt der Leiter der Lieberoser Außenstelle, Heiko Schumacher. Anschließend plane die Stiftung auf diesem Gebiet eine "freie Naturentwicklung". Zwar gehöre die Fläche auch zur angedachten Internationalen Naturausstellung (INA), die in den nächsten sieben bis zehn Jahren in der Lieberoser Heide entstehen soll.

Doch Besuchern wird dieser Bereich laut Schumacher voraussichtlich nicht zugänglich gemacht werden. "Die Kampfmittelberäumung erfolgt nur oberflächlich", begründet er. Für Munitionsreste in der Erde sei eine Sondierung unmöglich, da der Boden bereits aufgrund der jahrelangen Verwitterung komplett eisenhaltig sei.

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