Eisenhüttenstadt : Wo Angst in Hass umschlägt

Asylbewerber und Flüchtlinge treffen sich im Stadtgebiet von Eisenhüttenstadt. Fotos: Gerrit Freitag
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Asylbewerber und Flüchtlinge treffen sich im Stadtgebiet von Eisenhüttenstadt. Fotos: Gerrit Freitag

Eisenhüttenstadt ist Durchgangsstation für viele Asylbewerber / Die Bewohner tun sich schwer / Es gibt Konflikte

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12. August 2015, 12:00 Uhr

Stahl- stadt, Planstadt, Feuerwehrstadt – Eisenhüttenstadt hat viele Namen. Momentan ist es die Asylbewerberstadt Brandenburgs. Auch wenn es dort nach außen hin noch relativ ruhig erscheint, im Inneren brodelt es gewaltig.

Ein Kommen und Gehen herrscht derzeit am Eingang der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber des Landes in Eisenhüttenstadt. Die kleine Betonstraße direkt neben ein paar bewohnten Hochhäusern ist längst zum Fußweg geworden, was manch alteingesessener Anwohner misstrauisch beäugt.

Hanna, seine Frau und sein Sohn gehen an diesem Tag ein letztes Mal dort lang. Drei kleine Koffer haben sie dabei – ihr ganzes Hab und Gut. „Für uns geht es jetzt nach Berlin-Schönefeld, da sind wir etwas näher an unserer Familie“, erzählt der Syrer in klarstem Englisch. Er wirkt erleichtert. Zehn Tage seien sie in Eisenhüttenstadt gewesen. „Die Menschen im Camp sind erstaunlich, sie sind hilfsbereit, sie sind wie Engel“, betont er. Und außerhalb des Erstaufnahmelagers? Er winkt ab: „Das war für uns wie ein Schock. Wir können gar nicht glauben, dass das Deutschland ist. Wir haben so viele schlechte Erfahrungen gemacht – egal, ob an der Bushaltestelle, beim Einkaufen, bei McDonald’s oder einfach nur auf der Straße.“ Unfreundlich seien die Leute, und sie würden ihn und seine Familie so merkwürdig anstarren. „Warum? Wir sind Menschen, wir sind gebildet“, betont Hanna. Er ist Betriebswirt, seine Frau Französischlehrerin. Alles, was sie wollen, ist ein Leben ohne Bomben und Bedrohung, eine Zukunft.


500 Neuankömmlinge pro Woche


Aldi kommt ganz gut klar in Eisenhüttenstadt. Sagt er zumindest. Es sei besser als in seiner Heimat Albanien. Den Zustand dort nennt der 20-Jährige „katastrophal“. „Keine Arbeit, kein Zuhause.“ Seit gut einer Woche schläft er in einem der 36 Zelte auf dem Gelände der Erstaufnahmeeinrichtung. „Schön ist das nicht“, aber er hat keine andere Wahl. Das Camp platzt aus allen Nähten. Manchmal kommen bis zu 100 Neuankömmlinge pro Nacht, in der Woche sind es etwa 500.

Anfang August waren in der Eisenhüttenstädter Erstaufnahmeeinrichtung 1538 Asylsuchende gemeldet, in ganz Brandenburg knapp 2000. Aldi kennt diese Zahlen nicht. Die abwertenden Blicke, die ihn auf seinem Weg zum Supermarkt treffen, ignoriert er. Und die Hasstiraden im Internet, die seit dem Aufbau des zweiten Zeltlagers am Wochenende zugenommen haben, kann er nicht lesen. „Ich will keine Asylbewerber hier sehen!“, schreibt einer da. „Die sitzen hier in der Sonne, saufen Bier, pfeifen unsere Frauen und Kinder an und benehmen sich wie Schweine!“ Eine Frau meint: „Mich kotzt das so dermaßen an, egal, wo man hinschaut, sieht man nur die Ausländerassis! Das ist unser Land, die sollen sich verpissen!“

Die Zahlen in Eisenhüttenstadt haben sich tatsächlich verschoben. Von einst 50 000 Einwohnern, die es 1989 noch gab, sind nicht mal mehr 28  000 geblieben. Asylbewerber gibt es in der Kleinstadt erst seit Anfang der 90er-Jahre. Bis dahin waren die Eisenhüttenstädter – bis auf ein paar Gastarbeiter – unter sich.

Doch mit den Fremden hat man sich schon immer schwer getan. 1991 kam es zu rechtsradikalen Ausschreitungen vor dem Heim – damals lebten dort gerade einmal 350 Flüchtlinge. Brandflaschen flogen durch die Luft und Rufe wie „Ausländer raus!“. Seitdem ist das Erstaufnahmelager eingerüstet wie eine Festung. Die Bewohner waren geduldet – viel mehr aber auch nicht. Doch seit etwa zwei Jahren steigen die Flüchtlingszahlen rasant. Man begegnet sich häufiger – auch im Schwimmbad, das Asylbewerber auf Anordnung der Bürgermeisterin ermäßigt besuchen dürfen.


Unwissenheit führe zu Vorverurteilungen


Beschwerden von Einheimischen ließen nicht lange auf sich warten: Die Fremden würden in Unterhosen schwimmen, hätten keine Handtücher mit. Seitdem werden alle, die ausländisch aussehen, am Eingang auf die vorgeschriebenen Badeutensilien kontrolliert. Alexander Klotzovski hat von den Problemen im Inselbad noch nichts gehört. Der 27-Jährige gehört zum Kreis derer, die sich für Flüchtlinge engagieren. Ja, auch die gibt es, wenn auch zu wenig, wie er findet. „Wir brauchen mehr.“ Klotzovski gibt ehrenamtlich Deutschunterricht und hat die Internetkampagne gegen Rassismus und Fremdenhass „Hütte stellt sich quer“ mitinitiiert. Er möchte aufklären: „Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen sich hier einfach nicht genug informieren.“ Unwissenheit führe zu Vorverurteilungen und Berührungsängsten. Zwei Beispiele zeigen, was er meint. Immer wieder sagen Eisenhüttenstädter, sie hätten Angst um ihre Kinder oder wenn sie allein auf der Straße seien. Laut Polizei gibt es dafür keinen Grund. Lediglich die Diebstähle in dem am meisten genutzten Supermarkt seien mehr geworden. Oder es wird herausposaunt: Asylbewerber erhielten mehr Geld als Hartz-IV-Empfänger. Das stimmt nicht. „Wir bekommen alle zehn Tage 47 Euro“, erzählt die 27-jährige Rama aus Syrien.

Thomas Oppelt, der Hähnchen an einem Imbissstand verkauft, ist einer, der lächelt, wenn er Asylbewerber sieht. „Ich hatte an den vergangenen zwei Montagen 60 bis 70 Prozent mehr Umsatz durch die Flüchtlinge“, erzählt er. „Das ist doch einwandfrei“. Auch die Stadt profitiert. Denn die Flüchtlinge gehen in die Einwohnerstatistik ein, und nach dieser bekommt die Kommune Schlüsselzuweisungen vom Land. Je mehr Einwohner, desto mehr Geld.

Wie viele Flüchtlinge Eisenhüttenstadt noch verkraften kann? „Das liegt nicht in unserem Ermessensspielraum“, sagt Bürgermeisterin Dagmar Püschel (Linke). Von Ausländerfeindlichkeit will sie nichts hören. „Eisenhüttenstadt ist nicht ausländerfeindlich.“

Rama aus Syrien hat einen anderen Eindruck: „Die Menschen hier mögen keine Fremden.“ Sie sei schon auf der Straße angeschrien worden, nur weil sie ein Kopftuch trägt. „ Ich will den Menschen hier doch nichts wegnehmen. Alles, was ich brauche, ist Schutz, denn ich habe kein Land mehr.“ 

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