Oranienburg : Witwenmacher und zersägte Autos

Rainer Görs wird bei den Ausfahrten auf seiner feuerroten Jawa wieder viele Blicke auf sich ziehen. Das Oldtimer-Motorrad ist nicht nur ein Hingucker sondern ist auch durch seinen besonderen Motorsound unverkennbar.  Fotos: Klaus D. Grote
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Rainer Görs wird bei den Ausfahrten auf seiner feuerroten Jawa wieder viele Blicke auf sich ziehen. Das Oldtimer-Motorrad ist nicht nur ein Hingucker sondern ist auch durch seinen besonderen Motorsound unverkennbar. Fotos: Klaus D. Grote

Beim dritten Oldtimertreffen im Oranienburger Schlosspark werden mehr als 1000 Fahrzeuge erwartet / Mindesteintrittsalter 30 Jahre

svz.de von
04. September 2015, 09:51 Uhr

Zum dritten Mal verwandelt sich der Oranienburger Schlosspark am Sonntag in einen riesigen Parkplatz für historische Karossen. Mehr als 1000 Oldtimer mit zwei und vier Rädern sowie viele neugierige Besucher werden erwartet.

Es riecht nach Benzin. Vorm historischen Portal des Schlossparks parken ein offener schottischer Zweisitzer, ein roter Porsche 911 und ein chromblitzendes Jawa-Motorrad. Das Krad tropft. „Ein Auslaufmodell“, scherzt Falk Bernikas. Sticheleien gegen den Zweiradsammler Rainer Görs gehören ein bisschen zur Leidenschaft der Oldtimer-Sammler. Ein DDR-Motorrad ist eben kein Roadster von der Insel.
Neugierige Blicke ziehen alle drei Fahrzeuge auf sich, als sie in der Sonne um die Wette glänzen. Nur der Ordnungsamtsmitarbeiter schaut übelgelaunt aus dem blauen Stadtverwaltungs-Polo, als er die drei Fahrzeuge auf dem Schlosspark sieht. Der ist schließlich kein Parkplatz.

Aber altes Blech genießt Sonderrechte. Das gilt auch für laut röhrende Auspuffrohre und tropfende Benzinleitungen. Im Schlosspark werden Schutzmatten verteilt, damit kein Kraftstoff auf den Rasen fällt.

Falk Bernikas aus Bärenklau genießt die Aufmerksamkeit, die er mit seinem seltenen Cabrio auf sich zieht, sichtlich. Spätestens wenn er den Motor startet und das Gaspedal kurz tritt, nimmt jeder in der näheren Umgebung Notiz von ihm. Dem 60-Jährigen gefällt vor allem, dass „junge Mädels“ vom glänzenden Blech und Chrom seiner alten Autos angelockt werden. Neulich habe eine Frau in Borgsdorf Freudentränen in den Augen gehabt, als sie Bernikas in einem Oldtimer vor der Sparkasse sah. Ausfahrten mit seinen Autos macht der Bärenklauer Geschäftsmann selten mit freiem Beifahrersitz.


Autos mit schillernder Geschichte


Der schottische Zweisitzer, den er mitgebracht hat, stammt vom Formel-1-Zulieferer BRA. Die drei Buchstaben sind in eine Plakette auf der Kühlerhaube graviert. Der Wagen basiert auf einem MG-Roadster der Vorkriegszeit. Daher wirkt das Auto mit den verchromten Teilen viel älter als das Baujahr 1961 vermuten lässt. Nur sechs der werkseigenen Rennautos schraubten die Mechaniker zusammen. Der Wagen von Bernikas fuhr mehrere Rennen und trägt die Modellnummer 6. Darauf ist der Bärenklauer mächtig stolz.

Dabei stehen in seiner Garage, die eher eine Halle ist, noch mehrere andere Oldtimer. Wie viele es genau sind, verrät Bernikas nicht. „Mehr als zehn“, sagt er nur. Allerdings kauft er jedes Jahr ein weiteres Auto. Im Schlosspark wird er einige zeigen, zum Beispiel einen amerikanischen Pontiac, Baujahr 1928, mit Holzspeichen.

„Das Auto gehörte einem kalifornischen Citrusbaron“, sagt Bernikas. Eine Geschichte gehöre zu seinen Oldtimern immer dazu. Es sind nicht einfach alte Autos. Sein Mercedes Strich-Acht sei einmal im Besitz des Schahs von Persien gewesen.

Kurios ist die Historie eines Citroën, der während des Krieges in der Mitte zersägt wurde, um daraus zwei Fahrzeuge zu machen. Eines wurde ein Lieferwagen, der heute ebenfalls in Bernikas‘ Garage parkt. Am Sonntag wird das Gefährt im Schlosspark zu bestaunen sein.

30 Mitglieder hat der Oldtimerclub Oberhavel, der die Organisation des Treffens vom Käferclub Oranienburg übernommen hat. Im Vorjahr waren 1278 historische Fahrzeuge im Schlosspark zu bewundern. Neben Autos und Motorrädern sind am Sonntag auch alte Fahrräder und ihre Besitzer willkommen. Das Treffen startet um 10 Uhr und dauert bis 16 Uhr. Das Mindestteilnahmealter beträgt 30 Jahre – so alt müssen Fahrzeuge sein, um sich Oldtimer nennen zu dürfen.

Glaubt man den Oldtimer-Besitzern, dann ist das Fahren alter Autos gar nicht so kostspielig. „Auf Landstraßen verbraucht er nur neun Liter“, behauptet Carsten Bräuer von seinem Porsche 911 Targa mit 230 PS, der im Vorjahr die 30-Jahre-Marke erreichte. Der 80-Liter-Tank habe schon für eine 920 Kilometer lange Tour gereicht. Bräuer, der im Gegensatz zu Bernikas selbst an seinen Oldtimern schraubt, erfüllte sich mit dem knallroten Halbcabrio einen Jugendwunsch. Seinen Traum fand der 52-Jährige 2011 auf dem Berliner Ku‘damm. Noch bevor seine Frau zustimmen konnte, hatte er den Porsche gekauft. Inzwischen besitzt er auch ein Cabrio und ein Coupé vom 911er.

„Die Preisentwicklung bei Oldtimern ist in manchen Segmenten atemberaubend“, sagt Bräuer. Immer mehr Menschen entdeckten alte Autos als Wertanlage. „Aber Autos sind zum Fahren da. Die gehören auf die Straße, nicht in eine Garage“, findet Bräuer. Schließlich gebe es „kaum Schöneres als bei dem Wetter offen zu fahren“.

Er wird diese Leidenschaft am Sonntag mit vielen Gleichgesinnten teilen. Manche Oldtimer-Fahrer kommen in zum Baujahr ihres Fahrzeugs passender Kleidung. Viele Besucher werden zum Staunen erwartet. Worüber genau, ist Geschmackssache. Wer flotte Porsches mag, wird nicht den gleichen Enthusiasmus bei einem Trabi aufbringen.


Trabant und Jawa als Sammlerstücke


Für Rainer Görs besitzen auch die alten Rennpappen Sammlerwert. Er besitzt fünf Trabis, darunter den Typ 600 aus den 1960er-Jahren. Der Wagen sei stetig verändert worden, sagt Görs, der ein echter Liebhaber realsozialistischer Fahrzeugkunst ist. Neun Oldtimer-Motorräder gehören ihm. Die 60 Jahre alte Jawa ist ein Schmuckstück. Das Motorrad des tschechischen Herstellers wurde bis 1959 gebaut. Kradfahrer liebten es. Der Motor mit 350 Kubikzentimeter Hubraum machte das Krad schnell und begehrt. Rasant hieß aber auch gefährlich. Witwenmacher wurde die Jawa daher genannt.

Rainer Görs trägt auf der Fahrt Lederhandschuhe, Lederjacke und einen eierschalenartigen Helm. Er zeigt die vielen Details an seinem Motorrad, die Fahrgestellnummer und die Originalteile. 90 Prozent entsprechen noch dem Baujahr. „Geliefert wurde das Motorrad in Schwarz, Grün, Weiß und Jawa-Rot“, sagt Görs. Das feurige Rot der Jawa lässt kaum glauben, dass sie manchmal zickt. Diesmal jedoch startet der Motor auf Anhieb. Der Schwalbenschwanz am Auspuffrohr sorgt für knatternden Sound. Görs hinterlässt eine Abgaswolke auf dem Schlossplatz, als er flott in die Berliner Straße einbiegt.

Am Sonntag wird Görs mit der Jawa wieder auf den Schlossplatz einbiegen und beim Abstellen sicher an eine Unterlage denken. Falk Bernikas schwärmt von der besonderen Atmosphäre für die alten Autos im Schlosspark. Andere Treffen finden oft auf Parkplätzen statt oder sind auf Marken oder Herkunftsländer beschränkt. Das Oranienburger Oldtimertreffen lebt von der Vielfalt – vom Käfer bis zum Rolls Royce.

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