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Frust der Windmüller : Windkraft: Milliardenpläne begraben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Branche nach Öko-Stromreform zwar wieder zuversichtlicher – Kürzungspläne vermiesen Herstellern aber bundesweit das Geschäft

svz.de von
erstellt am 06.Mai.2014 | 18:18 Uhr

Frust der Windmüller: Nach der Einigung auf neue Ausbauziele für erneuerbare Energie in Deutschland kann die Windkraftbranche Milliardeninvestitionen begraben. Der Kompromiss zur Öko-Stromreform bringe zwar „ein Stück Zuversicht zurück“, meinte Andree Iffländer, Chef des Branchenverbundes Wind Energy Network: „Mit dem Kompromiss kann die Branche ganz gut leben“, erklärte er im Vorfeld der heute in Rostock beginnenden zweitägigen Zukunftskonferenz Wind & Maritim 2014. Auf dem Spitzentreffen wollen 300 Experten Wege und Strategien zur Umsetzung der Energiewende diskutieren. Iffländer rechne damit, dass spätestens mit Inkrafttreten des neuen Gesetzes Produzenten und Investoren die Zurückhaltung der vergangenen Monate überwunden haben werden – allerdings zu einem hohen Preis.

Denn auch nach der Einigung auf neue Ausbauziele ist die Krise nicht ausgestanden: Spätestens ab 2015 drohe ein spürbarer Einbruch beim Bau neuer Windkraftanlagen an Land, schätzt der Verband WindEnergie. Auch auf See geht etlichen Windparks die Luft aus. In Deutschland gebe es zehn nahezu baureife Offshore-Projekte – acht in der Nord-, zwei in der Ostsee, sagte Iffländer. Nach der Begrenzung der Windkraft auf dem Meer auf 6,5 Gigawatt bis 2020 müssten einige verschoben werden. Bereits die Debatte um die Strompreisbremse im vergangenen Jahr habe zu einem Investitionsstau geführt – sieben Offshore-Projekte in der Nordsee waren auf Eis gelegt worden: Iffländer: „Die Verzögerungen sind nicht mehr aufzuholen.“ Nun aber bringt der Reformkompromiss die Branche um ein Milliarden-Geschäft. Mit der Kürzung des Ausbauziels auf 15 Gigawatt bis 2030 kann die Industrie etliche Parks in den Wind schreiben. Ursprünglich sollten bis 2030 Anlagen mit einer Leistung von 25 Gigawatt auf dem Meer installiert werden. 40 Prozent weniger – „das ist ein Rieseneinschnitt“, meinte Iffländer. Damit gingen Investitionen von etwa 45 Milliarden Euro verloren.

Strompreisdebatte, Förderkürzungen, gekappte Ausbauziele, wachsende Bürgerproteste: Die Zukunftsbranche in ist in Bedrängnis geraten. Photovoltaikanlagen, Biogaskraftwerke, Windkraftanlagen – die erneuerbaren Energien seien „sturmreif geschossen“ worden, erklärte Andreas JesseVerband WindEnergie. Mit Folgen: Die Windenergiebranche sichert Jobs für Zehntausende Mitarbeiter. Doch die drohenden Auftragsausfälle nach den Kürzungsplänen des Bundes bringen nun auch die Jobs in der Zukunftsbranche in Gefahr. Die Energiewende sei in der Vergangenheit nur auf die Kostendebatte reduziert, die Chancen für neue Investitionen und neue Jobs, die Klimadebatte aber „ausgeblendet“ worden, kritisierte Iffländer.

Investoren haben Konsequenzen gezogen: gestoppte Offshorepläne, stornierte Folgeaufträge und begrabene Investitionspläne. In nagelneuen Fertigungswerken mussten nach dem Ausfall von Folgeaufträgen Entlassungen ausgesprochen werden, sagte Iffländer. Erste Investoren sehen bereits für die Windkraft keinen Bedarf für zusätzliche Fertigungskapazitäten in Deutschland mehr. So baue Siemens ein neues Flügelwerk in Großbritannien und nicht in Deutschland – 190 Millionen Euro teuer mit 1000 neuen Jobs. Auch Pläne für ein chinesisch-deutsches Fundamentwerk in Wilhelmshaven seien gestoppt – Investitionen von 50 Millionen Euro und 200 neue Arbeitsplätze. Verluste bundesweit: Die Windkraftbranche sorge in ganz Deutschland für Arbeit, erklärte Iffländer – in den Werften an der Küste ebenso wie bei Zulieferern in Süddeutschland. Die gekürzten Ausbaupläne führten jetzt dazu, dass bundesweit Wertschöpfung verloren gehe. Es werde zwar weitergehen, erwartete Jesse. Was aber tatsächlich auf die Branche zukomme, gleiche einem „Blick in die Glaskugel“. Möglich, dass weitere „Marktteilnehmer künftig nicht mehr dabei sein werden“.

Noch sorgen in den Vorjahren auf den Weg gebrachte Projekte für Arbeit: Ostdeutschland steht vor Milliardeninvestitionen. Derzeit läuft der Anschluss des zweiten Offshore-Windparks Baltic 2 vor der deutschen Ostseeküste auf Hochtouren. Rund 500 Millionen Euro steckt der Netzbetreiber 50Hertz in die Arbeiten nördlich vor Rügen. 2,5 Milliarden Euro lässt sich die Branche den Bau und Anschluss des dritten deutschen Ostseewindparks vor Rügen kosten. Inzwischen hat der spanische Energieversorger Iberdrola mit der Auftragsvergabe für den Bau des 1,5 Milliarden Euro teuren Offshore-Windparks „Wikinger“ begonnen, hatte das Unternehmen mitgeteilt. 2015 solle mit den Vorbereitungen für die Installation der 80 Windräder an Land begonnen werden, 2017 der Windpark in Betrieb gehen – Arbeit für 2000 Beschäftigte.

Auch an Land brummt das Geschäft – zumindest in diesem Jahr noch. „Die Anlagen schießen wie wild aus dem Boden“, meinte Jesse. Jetzt würden die in den Vorjahren nach der Ausweisung neuer Eignungsflächen beantragten neuen Windkraftanlagen aufgebaut. Jesses Verband rechnet für dieses Jahr sogar mit einem neuen Baurekord. Erst im vergangenen Jahr hatten die Windmüller eines der erfolgreichsten Windjahre erlebt.


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