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Förderung von Erdgas : Von Fracking soll keine Rede sein

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

In Brandenburg werden große Erdöl- und Erdgasvorkommen erschlossen – über die Technologie gibt es Streit.

Mike Kess will nicht das Schlimmste befürchten. Aber der Vorsitzende einer Bürgerinitiative in Beeskow (Oder-Spree) sagt über die geplante Erdgasförderung in der Nähe seiner Heimatstadt: „Wenn die hier fracken, stehen wir alle auf der Matte.“ Kess meint, dass die Menschen nach dem Widerstand gegen die Kohlendioxid-Verpressung genügend motiviert seien. „Unsere Zweifel wurden bisher nicht völlig ausgeräumt.“

Bislang jedoch hat die Firma Bayerngas immer wieder öffentlich erklärt, die geschätzten zehn Milliarden Kubikmeter Gas auf herkömmliche Weise zu fördern. „Wir wissen, dass man die Vorkommen da unten nur geschickt anzapfen muss“, meint Sprecher Dirk Barz. Das Gas werde durch den unten herrschenden Druck von alleine nach oben strömen, die Sandsteinschichten in 2700 Metern Tiefe müssten nicht aufgebrochen, gefrackt, werden.

Kritisch beäugt werde man dennoch, sagt Barz, dies sei auch in Ordnung. Freilich werde eine endgültige Investitionsentscheidung erst nach Ende der Testbohrungen getroffen. Das Potenzial klingt mehr als verlockend: 400 000 Haushalte könnten laut Barz über zehn Jahre mit dem Beeskower Gas versorgt werden.

Nicht weit entfernt, in einem 270 Quadratkilometer großen Areal zwischen Lieberose und Lübben (Dahme-Spreewald), sollen riesige Erdölschätze gehoben werden. Derzeit plant das deutsch-kanadische Unternehmen CEP weitere Erkundungsbohrungen in Guhlen am Schwielochsee, die Anfang 2015 starten. Zudem werden noch dreidimensionale seismische Untersuchungen aus dem vergangenen Herbst ausgewertet.

Klar ist schon jetzt: „Die Messungen haben unsere bisherigen Annahmen weit übertroffen“, sagt Firmensprecher Jens Müller. So sollen deutlich mehr als 250 Millionen Barrel Öl in bis zu 3000 Meter Tiefe lagern – wie viel genau, kann Müller noch nicht beziffern. Das Unternehmen rechnet allerdings mit einem gesamtwirtschaftlichen Effekt von mindestens 2,3 Milliarden Euro binnen 25 Jahren.

Auch im vorpommerschen Barth ist CEP tätig – dort sorgte der Beginn neuer Testbohrungen vor wenigen Tagen für Proteste. Denn unweit von Naturschutzgebieten wurden Hunderte Kubikmeter Flüssigkeit unter hohem Druck in die Lagerstätten gepumpt, um den Zufluss des Erdöls zu verbessern. Müller betont energisch, dass dieses Verfahren nichts mit dem in den Vereinigten Staaten angewandten, umstrittenen Fracking zu tun habe. Die Flüssigkeit sei nicht umweltschädlich, die Technologie habe sich in Deutschland seit Jahrzehnten bewährt, so der Sprecher.

Obwohl dadurch Fugen im Speichergestein geöffnet werden, vermeidet Müller das Wort Fracking und nennt den Vorgang „Stimulierung“. Fracking werde mit falschen Vorstellungen verbunden, meint er. „Immer wieder wird ein Horrorbild gezeichnet.“

Von einem Horrorbild will Hannes Luck von der Bürgerinitiative Erdöl Barth nicht sprechen. Er fordert aber die Klärung offener Fragen durch CEP. So habe man bislang noch keine Antworten zu den in der Flüssigkeit verwendeten Zusätzen erhalten, sagt der Rostocker. Zudem meint Luck, dass die Technologie kaum erprobt worden ist.

Die Umweltorganisation Bund fordert daher eine neue wissenschaftliche Bewertung der modernen Fördermethoden. „Die Grenzen hin zu Fracking verschwimmen immer mehr“, sagt der Landesvorsitzende Axel Kruschat. Auch Haftungsfragen müssten aus seiner Sicht anders geregelt werden. „Das Geschäft lohnt sich für die Betreiber nur, wenn Risiken auf die Allgemeinheit abgewälzt werden.“ Kruschat plädiert daher für ein Moratorium – einen Stopp der Genehmigungen. Die Grünen unterstützen diese Forderung. „Wir müssen klären, welche Schäden die Bohrungen nach sich ziehen können“, sagt der Fraktionsvorsitzende im Landtag, Axel Vogel.

Im Landesbergbauamt ist das Thema Fracking derzeit nicht aktuell. „Uns liegen dafür keine Anträge vor“, sagt die Justiziarin Karina Pulz. Dennoch wurden nach 1990 zwei entsprechende Maßnahmen genehmigt – für ein Geothermie-Projekt im Barnim.

Neben den Vorhaben von CEP und Bayerngas gibt es nach ihrer Aussage keine weiteren im Land. Ein Vorhaben in Pillgram (Oder-Spree) wurde vorläufig gestoppt, in Küstrin-Kietz (Märkisch-Oderland) werden von einer französischen Firma noch 140 000 Barrel Erdöl jährlich gewonnen.

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