Arbeiten auf dem Wasser : Venedig-Flair auf dem Müll-Kahn

Müllmann Dieter Adler fährt mit seinem Spreewaldkahn voller Mülltonnen und gelber Säcke über ein Fließ in Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz).
Müllmann Dieter Adler fährt mit seinem Spreewaldkahn voller Mülltonnen und gelber Säcke über ein Fließ in Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz).

Im Spreewald bietet sich eine außergewöhnlichen Art, um als Müllmann zu arbeiten.

svz.de von
02. Juli 2014, 16:48 Uhr

Als Müllmann muss sich Dieter Adler mit Staus in der Großstadt und zugeparkten Einfahrten nicht herumplagen. Mit Mücken, wuchernden Hortensien und knurrenden Hunden schon eher. Sein Müllfahrzeug ist wohl einzigartig in Deutschland – es ist ein Spreewaldkahn. Seit 20 Jahren wird im Dorf Lehde der Müll per Wasser abgeholt. Eine Urlauberin aus Berlin kennt nur eine Antwort darauf: „Wie romantisch.“

Kahnfährleute staken mit ihren Stangen Touristen durch die Wasserstraßen und verbreiten Venedig-Flair, auch Paddler sind unterwegs. Dazwischen: Adler mit seinen Dutzenden Mülltonnen und gelben Säcken. Der 64-Jährige – mit seinen weißen Haaren hat er etwas von einem Seemann – nähert sich einem Inselgrundstück. Ein Hund hat ihn längst im Blick. Der wedelt mit dem Schwanz, als ein Fleischknochen vor seiner Schnauze landet. Adler weiß, wie er sich beliebt macht.

In seiner blauen Arbeitskleidung mit Käppi hievt er eine geleerte Mülltonne ins Gras und packt eine Rolle gelber Säcke drauf. Kurzer Plausch mit dem Bewohner, der sich im Morgenmantel blicken lässt: „Tach Chef“ – „Tach Oberchef“. Dann geht’s weiter.

Als Müllwerker im Spreewald arbeitet Adler seit 2006. Er wohnt selbst in Lehde, der Müllkahn steht direkt an seinem Grundstück. Im Staken hat er Erfahrung: Mit einem anderen Kahn fährt er sonst auch Touristen.

1994 wurde erstmals in dem südbrandenburgischen Dorf, das ein Ortsteil von Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) ist, der Müll über Wasser abgeholt. Davor hatten die Bewohner ihren Abfall mit dem eigenen Kahn zu verabredeten Stellen gebracht, wie der Vertriebsleiter Außendienst des Entsorgers Alba Lausitz, Lutz Wentow, sagt. Bis dorthin können Müllfahrzeuge über Straßen gelangen. Bei Frühjahrsputzaktionen sei aber aufgefallen, dass Hausmüll hin und wieder mitten im Spreewald abgeladen worden sei.


Mit dem Kahn ist man manchmal schneller


Die Müllabfuhr im Spreewald ist in ihrer Form wohl einzigartig in Deutschland. Für den Städter gleicht das Leben im Spreewald dem aus einer anderen Zeit. Manche Inseln – sie heißen dort Kaupen – sind nur mit dem Kahn erreichbar. Es gibt zwar viele Fußgängerbrücken. Für einige Bewohner ist der Weg aber länger, als eben mal in den Kahn zu springen, wie etwa der Lehder Landwirt Sebastian Kilka erzählt.

Butter im Supermarkt vergessen? „Zurück in den Kahn und bis zum Parkplatz fahren, wo das Auto steht.“ Schnell mal einen Fernseher im Internet bestellen? „Der wird zu einer verabredeten Stelle gebracht und dann holen wir das mit dem Kahn ab. Lieferung frei Haus gibt’s hier nicht.“

Wenn ein Haus renoviert wird, schließen sich Nachbarn zusammen und bilden einen Konvoi, um Steine zu transportieren. „Und jeden Morgen werden die Handwerker eingesammelt“, erzählt Kilka.

Der Müllkahn ist seit vielen Stunden unterwegs. Am Ufer ragen wuchernde Hortensienbüsche ins Wasser, Adler muss dem Blumenmeer ausweichen. Die gelben Müllsackberge und die Tonnen von 60 Haushalten bringt er jeden zweiten Freitag zu Verladestellen – im Sommer wie im Winter. Ein Müllwagen fährt heran und übernimmt. Dann geht es mit den Tonnen wieder zurück in das Labyrinth aus Wasserstraßen.

Etwas Sorgen macht sich die Firma Alba, die den Müllkahn betreibt, um Nachwuchs. „Das ist harte Arbeit, es könnte schwer werden, jemanden zu finden“, sagt Vertriebsleiter Wentow.

Ein kleiner Verkaufsstand am Ufer ist in Sicht. Die obligatorischen Gurkenfässer stehen parat, damit die Touristen auf dem Wasser auch Rundum-Spreewald-Feeling bekommen. Die Mülltonne wird aus dem Kahn gelüpft – es gibt Schmalzbrot und Kaffee für Adler.

Ins Wasser gefallen sei er noch nie, sagt er. Einmal sei er jedoch freiwillig baden gegangen. „Als ich die Tonne wegbrachte und zurückkam, war der Kahn weg – abgetrieben.“ Dann hieß es Klamotten weg und ins Wasser: „Das Schiffchen zurückholen.“

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