“Moderne Sklaverei“ : Statt Lohn gibt es oft nur Drohungen

  „Was den Leuten widerfährt, erinnert an moderne Sklaverei.“
„Was den Leuten widerfährt, erinnert an moderne Sklaverei.“

Beratungsstellen sollen jetzt verstärkt Wanderarbeitern helfen.

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03. Februar 2014, 12:13 Uhr

In Brandenburg gibt es immer mehr Fälle, bei denen Osteuropäer auf Baustellen oder in Landwirtschaftsbetrieben mit Armutslöhnen ausgebeutet und betrogen werden. Staatliche Kontrollen gibt es kaum. Sie schufteten für eine Reinigungsfirma auf der Flughafenbaustelle in Schönefeld, doch am Ende warteten 17 Rumänen vergeblich auf ihren Lohn. Stattdessen hatten Mittelsmänner des Unternehmens von ihnen noch jeweils 130 Euro für eine behördliche Anmeldung kassiert. Untergebracht waren die Bauhelfer in überfüllten Zimmern.

Als Angehörige schließlich die Polizei und eine Berliner Beratungsstelle einschalteten, wurde der Fall öffentlich. Nach Medienberichten wurden die Männer bedroht. Man würde ihnen die „Füße einbetonieren und sie in den Fluss werfen“, übermittelte ihnen ein Unbekannter. Für Doritt Komitowski, die sogenannte Wanderarbeiter aus dem Ausland berät, ist dieser Fall nur einer von vielen. Rund 1000 Menschen haben sich 2013 an die vom Berliner Senat geförderte Anlaufstelle des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) gewandt, ein Drittel mehr als noch im Jahr zuvor. „Was den Leuten widerfährt, erinnert an moderne Sklaverei“, sagt die gebürtige Bulgarin.

Auf der Großbaustelle war dies kein Einzelfall. So arbeiteten dort ungarische Monteure für eine Metallbaufirma, sechs Tage die Woche, täglich zwölf Stunden. Doch anstelle des Lohns erhielten sie 20 Euro „Taschengeld“ für Lebensmittel, heißt es in einem aktuellen Bericht des DGB. Die Firma machte immer nur Versprechungen.

Nach den Erfahrungen von Komitowski begünstigen komplizierte Arbeitsmarktrichtlinien innerhalb der EU erst dubiose Vermittlungsagenturen. Arbeiter würden in Bulgarien oder Rumänien im Bekanntenkreis angeworben, in Polen angestellt und von dort aus nach Deutschland geschickt. „Ziel ist, die Lohnkosten auf ein Minimum zu drücken“, so die 38-Jährige.

Oft werden die hierzulande in vielen Branchen geltenden Mindestlöhne umgangen. Viele Osteuropäer müssen als Scheinselbstständige für wenige Euro pro Stunde arbeiten. Entsprechende Klagen hört Komitowski unter anderem von Wanderarbeitern, die Altglas in einem Recyclingbetrieb in Großbeeren sortieren. Ebenso wurden auch Fälle aus der Landwirtschaft bekannt, etwa die Probleme rumänischer Erntehelfer im Spreewald, die für Armutslöhne arbeiteten. Im Hotelgewerbe wurden ausländischen Reinigungskräften mitunter nur zwei Euro in der Stunde gezahlt. Vorwürfe, ausländische Arbeiter würden die Löhne drücken, findet die Beraterin verwerflich. „Sie hoffen auf reguläre Jobs, landen jedoch in einem betrügerischen System.“

Auch Ruxandra Icubesco, die in Potsdam seit zwei Monaten ein Beratungsbüro des DGB leitet, berichtet von vielfältigen Problemen in Brandenburg. Ausländische Arbeitskräfte würden bedroht, erpresst und ihre Ausweise von Vermittlungsagenturen einbehalten. Manche Unternehmer würden sogar in das Betrugssystem eingeweiht. „Das sind gutbürgerliche Leute“, berichtet sie.

In diese Kategorie ist auch ein Brandenburger Hochschul-Professor einzuordnen, der von zwei gebürtigen Kolumbianern sein Haus bauen ließ. Der Vertrag war schlecht, Sozialbeiträge wurden nicht abgeführt. Als es zu einem Arbeitsunfall kam, konnte einer der Männer nicht medizinisch behandelt werden. Die Beratungsstelle will jetzt den Wissenschaftler zu Nachzahlungen bewegen. Insgesamt konnte der DGB seit 2012 schon eine halbe Million ausstehender Löhne eintreiben.

Es gebe in Deutschland zu wenig staatliche Kontrollen, beklagt Komitowski. Das Hauptzollamt Frankfurt (Oder) verweist hingegen auf umfassende Überprüfungen der Finanzkontrolle Schwarzarbeit. 2245 Ermittlungsverfahren wurden 2012 abgeschlossen, rund eine Million Euro Bußgelder verhängt, so Sprecher Andreas Behnisch. Das Potsdamer Sozialministerium betont, es gebe im Land ein ausreichendes Beratungsangebot für Wanderarbeiter. Dieses Angebot werde finanziell unterstützt.

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