Ruppiges Berlin sehnt sich nach Manieren

Anti-Rollkoffer-Front: Die Kritik der Berliner an ihren Feindbildern mit den Rollkoffern erreicht bereits die Graffitis.
Anti-Rollkoffer-Front: Die Kritik der Berliner an ihren Feindbildern mit den Rollkoffern erreicht bereits die Graffitis.

Das Feindbild des Hauptstädters hat einen Rollkoffer und sitzt in der Stammkneipe / Bisher kaum bekannt für gutes Benehmen, ist der Berliner nun genervt von Touristen

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31. Juli 2014, 11:13 Uhr

„Berlin liebt dich nicht“ oder „No more Rollkoffer“: Wenn es um Partytouristen geht, gibt sich der sonst so liberale Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg schon länger gänzlich unentspannt. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) setzt nun noch einen drauf. Im „Tagesspiegel“ fordert sie einen Verhaltenskodex für Hauptstadt-Besucher – weniger Müll und Lärm und dafür mehr Respekt gegenüber Berlinern. Die Vorschläge sorgen für süffisanten Gesprächsstoff: Was ist passiert, wenn sich das ruppige Berlin plötzlich nach Manieren sehnt?

In Friedrichshain-Kreuzberg wird auf beiden Seiten der Spree seit dem Mauerfall immer exzessiver gefeiert. Zuerst waren die Berliner unter sich, dann kamen die Touristen der Generation Easy Jet dazu. Berlin wurde sexy – und blieb billig. Die Partyzonen dehnten sich von wenigen Straßen auf mehrere Quadratkilometer immer weiter aus. Lebensmittelmärkte und kleine Geschäfte wichen Kneipen. Aus Wohnhäusern wurden Hostels und Ferienwohnungen.

Die Stammkneipe stand plötzlich im „Lonely Planet“, der Reisebibel von Touristen, die mindestens so cool sein wollen wie coole Berliner. Und wer nun nachts in die Nähe der Oberbaumbrücke gerät, wähnt sich am Wochenende in einem Zug komatöser Lemminge auf zwei Beinen. Damit ist Berlin für Björn Lisker genau da angekommen, wo Barcelona, Amsterdam und London schon lange sind. Lisker ist Sprecher der Berliner Tourismus-Werber „VisitBerlin“.

Vom Verhaltenskodex für Touristen hält er gar nichts. „Verbotsschilder sind nicht das richtige Mittel“, sagt er. Und  ein Berlin-Knigge in 14 Sprachen sei bei jungen Leuten sicher auch nicht der Bringer. Nicht nachts rumschreien, nicht in die Parks pinkeln, nicht in den Hausflur reihern – wie ernst würde das genommen? Die Hauptstadt will die Sache spielerischer angehen.

Hinter den Kulissen gibt es Ideen, Pantomime-Künstler auf die Partymeilen zu schicken, die ihren Kopf mit geschlossenen Augen auf die Hände senken. Eine leise Erinnerung daran, dass hier Menschen leben, die schlafen wollen. Monika Herrmann denkt an Rollkoffer mit leisen Gummirädern. Klingt noch nicht nach dem großen Wurf. Andere Länder haben längst andere Seiten aufgezogen. Auf Mallorca gelten für Touristen feste Benimmregeln: Saufgelage am Strand – tabu.

Wer in Barcelona mit Badeklamotten durch die Altstadt läuft, wird zur Kasse gebeten. Nackter Oberkörper? Macht 120 Euro. In Berlin war die Schattenseite der 24-Stunden-Partymetropole, die erst einmal alle wollten, absehbar. Doch lange schritt niemand ein.

Denn der Tourismus gehört zu den gewichtigen Wirtschaftsfaktoren in der finanzschwachen Hauptstadt. In New York lästern die Banker in der Wall Street gern, wie sie störende Touristen vom Bürgersteig schubsen. Berlin kann sich solchen Sarkasmus gar nicht leisten. Mit Tourismus und Kongressen macht die Stadt zehn Milliarden Euro Umsatz im Jahr, mehr als 275 000 Berliner verdienen mit.

In zehn Jahren haben sich die Touristenzahlen hier verdoppelt, allein im ersten Halbjahr 2014 kamen 5,5 Millionen. Vom Boom will das Land nun auch direkt profitieren. In diesem Jahr führte der Senat eine Bettensteuer für Privatreisende ein und verlangt fünf Prozent des Netto-Übernachtungspreises. Seitdem gibt es in den Hotels deutlich mehr Menschen in Shorts und Flip-Flops, die behaupten, auf Geschäftsreise zu sein. Die neue Citytax wirkt allerdings trotzdem. Während die Hotels noch gegen die Steuer klagen, zählt der Finanzsenat die Einnahmen: neun Millionen Euro im ersten Halbjahr.

Bürgermeisterin Herrmann fände es fair, wenn ihr Feier-Bezirk davon etwas abbekäme. Eine solche Zweckbindung sei aber grundsätzlich nicht vorgesehen, sagt Jens Metzger, Sprecher der Senatsverwaltung für Finanzen. Bis zur Grenze von 25 Millionen Euro im Jahr kassiert das Land die Übernachtungssteuer für den allgemeinen Haushalt. Doch auch die Landespolitik hat gemerkt, das der Touristenboom nicht nur positive Seiten hat. Dabei geht es aber nicht nur um Partys.

Wohnraum wird knapper und teurer, wenn es Tausende Ferienwohnungen gibt. Darum erdachte das Land ein Monstrum mit Namen „Zweckentfremdungsverbotsverordnung“. Ferienwohnungen sollen nun angemeldet und genehmigt werden. Doch bisher gilt das Gesetz eher als Papiertiger, denn es gibt bisher nur eine Handvoll Kontrolleure.

Die Konflikte zwischen Berlinern und Touristen haben inzwischen schon Filmemacher inspiriert. In ihrer Doku „Welcome Goodbye“ lässt zum Beispiel Nana A.T. Rebhan ausländische Gäste mit guten Tipps zu Wort kommen.

Ein Musiker aus Mexiko schlägt den genervten Eingeborenen Vorhänge vor, damit die Touristen sich nicht mehr die Nasen an ihren Fenstern plattdrücken.

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