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Agrarindustrie : Rendite auf dem Acker

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Hans-Georg von der Marwitz redet nicht oft im Bundestag. Ob der CDU-Abgeordnete aus Märkisch-Oderland nach seinem jüngsten Diskussionsbeitrag öfter als bislang für seine Fraktion zu Agrarfragen sprechen darf, ist höchst zweifelhaft.

Am Ende haben die Grünen zehnmal und die Unionsabgeordneten viermal die Worte des Friedersdorfer Landwirtes beklatscht. In der Debatte ging es um die nationalen Regelungen für die EU-Agrarsubventionen.

Dabei sind Säulen wichtig. Die erste und die zweite. Oder anders gesagt: Wer bekommt was und wofür? Den mühsam gefundenen deutschen Kompromiss bezeichnet von der Marwitz als „keinen großen Wurf“. Und auch wenn das nicht gleich zu merken ist: Der deutsche Acker ist vermint. Am Tropf der Subventionen hängen nämlich alle. Aber nicht alle profitieren im gleichen Maße. „Je mehr Hektar der Landwirt bewirtschaftet, desto mehr Subventionen fließen in den Betrieb. Anders formuliert: Wer hat, dem wird gegeben.“

Mit solchen Worten macht sich von der Marwitz keine Freunde beim Brandenburger Bauernverband. Der hat die Parole ausgegeben: „Hektar ist Hektar, egal von wem er bewirtschaftet wird!“ Wobei sich der CDU-Parlamentarier darüber nicht wundert. Denn: „Besonders die flächenstarken ostdeutschen Agrarbetriebe sind die größten Profiteure dieses Verteilungssystems.“ In Märkisch-Oderland zum Beispiel bewirtschaften vier Gesellschaften 25 000 Hektar. Das sind 20 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche des Kreises.

Längst geht es im Osten nicht mehr nur um die ehemaligen LPG. Der wohl größte Bauer in Brandenburg ist die Aktiengesellschaft KTG mit Sitz in Hamburg, die in Deutschland 32 000 Hektar Land bewirtschaftet. Dazu kommen noch 8000 Hektar in Litauen. Mittlerweile hält aber Vorstandschef Siegfried Hofreiter laut der „Wirtschaftswoche“ die Expansionsmöglichkeiten in Deutschland für ausgereizt. Deswegen kauft das Unternehmen nur noch in Litauen und Russland große Flächen. Die Zeitschrift empfiehlt übrigens jenen, die „in börsennotiertes Ackerland investieren wollen“ trotz aller Probleme KTG. Andere Unternehmen seien zu klein.

Dabei sind die Unternehmensformen auf dem Land vielgestaltig. Nur eines bleibt: Der Trend zum Großen. Der Strukturwandel vollzieht sich seit Jahren. Die Finanzkrise hat die Flucht von Kapital in landwirtschaftliche Flächen noch enorm verstärkt.

Das westfälische Müllunternehmen Rethmann kaufte ebenso ostdeutschen Boden wie Brillenfabrikant Fielmann oder Möbelhersteller Steinhoff. Dazu kommen unter anderem holländische Investoren, die den Deutschen zeigen, was wirkliche Massentierhaltung ist.


Die neuen Feudalherren im Land


Der Greifswalder Geografieprofessor Helmut Klüter spricht schon seit Jahren von den „neofeudalen Besitzverhältnissen“ in Brandenburg und anderen ostdeutschen Ländern, wobei seiner Meinung nach die Macht der neuen Feudalherren weit über die der ehemaligen ostelbischen Junker hinausgeht. Klüter geht davon aus, dass „neofeudale Privilegien wie der besondere Zugriff auf EU-Subventionen“ ökonomisch kaum zu bremsen oder zu korrigieren sind.

Der Bauernbund Brandenburg, der die bäuerlichen Familienbetriebe vertritt, spricht davon, dass 15 Prozent der im Land ausgereichten Subventionen an „auswärtige Kapitalanleger“ gehen. Die Gewinne verlassen dann häufig die Region. Nicht nur die Böden verarmen wegen der extremen, renditeorientierten Produktion, sondern auch der sogenannte „ländliche Raum“ insgesamt. Wer hat schon Interesse an Kirche, Kindergarten oder Dorfkultur, wenn er an der Spitze einer Holding sitzt?

Dabei können die Landkäufer und Investoren „auf dem sozialistischen Erbe aufbauen“, meint Hans-Georg von der Marwitz. Die vorhandenen LPG-Produktionseinheiten der DDR wurden in großem Maßstab in die neue gesamtdeutsche Zeit überführt. Über die Methoden bei der Überführung ist mindestens ebenso lange gestritten worden, wie über die Preisgestaltung der BVVG, der Bodenverwertungs-und -verwaltungs GmbH des Bundes, die ostdeutsche Ländereien privatisiert. Nun aber sind viele Geschäftsführer der Ex-DDR-Betriebe in die Jahre gekommen. Wenn sie verkaufen, dann können auf der Käuferseite in der Regel nur kapitalkräftige Großinvestoren mithalten.

Die ganze Entwicklung sieht von der Marwitz mit großer Sorge. Er meint aber auch: „Es gibt keine einfachen Lösungen.“ Neue staatliche Regulierungen lehnt der Landwirtschaftspolitiker ab. „Wo würde man da anfangen? Und wo aufhören?“

Immerhin sind kleine Schritte möglich. Viereinhalb Prozent der EU-Agrarsubventionen werden von der ersten Säule in die zweite – für die Entwicklung des ländlichen Raumes – umgeschichtet. „Wir fangen an, Strukturpolitik zu machen“, sagt von der Marwitz und weiß natürlich, dass die EU eine Umschichtung von 15 Prozent zugelassen hätte.

Und dann sagt er noch: „Wir brauchen ein Leitbild. Wie soll unsere Landwirtschaft aussehen?“ Vermutlich würde eine Umfrage ergeben: Der bäuerliche Familienbetrieb ist zu bevorzugen. Gefördert werden aber die Großagrarier. Und gegessen wird meist, was wenig kostet.

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