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Klinikangebote und Arztmangel : Nicht jedes Krankenhaus bleibt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Landeschefin der Techniker Krankenkasse, Susanne Hertzer, über Klinikangebote und den Arztmangel

svz.de von
erstellt am 14.Okt.2014 | 11:41 Uhr

Nach einer aktuellen Studie der Techniker Krankenkasse (TK) sind Menschen auf dem Land deutlich unzufriedener mit der ärztlichen Versorgung als in der Stadt. Um Engpässe zu beheben, wird über eine Neuausrichtung der ambulanten Leistungen diskutiert. Henning Kraudzun befragte dazu die TK-Landeschefin Susanne Hertzer.

Frau Hertzer, jedes dritte Krankenhaus schreibt rote Zahlen, die Betreiber fordern bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Eigentlich ist der Gesundheitsfonds mit Rücklagen von 30 Milliarden Euro gut gefüllt. Wie kommen diese finanziellen Probleme aus Ihrer Sicht zustande?

Diese Entwicklung hängt mit Demografie zusammen, mit höheren Ansprüchen und einem größeren Leistungskatalog. Die Mittel müssen einfach effizienter verteilt werden. In Brandenburg gibt es 52 Krankenhäuser. Daran will die rot-rote Koalition nicht rütteln. Allerdings ist es nicht zukunftsträchtig, jeden Standort in der heutigen Form zu erhalten. Es müssen Strukturen verändert werden.
Zurück zum Milliardenüberschuss: Warum kommt das Geld nicht dort an, wo es ankommen sollte?

Es kommt doch genügend Geld an, unser Gesundheitssystem funktioniert gut. Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und Physiotherapeuten leisten einen guten Job. Aber wir müssen diese Leistungsfähigkeit künftig erhalten. Krankenhäuser sollten hinterfragen, ob es genügend Nachfrage für manche Leistungen gibt, die sie anbieten. Und wir sollten diskutieren, ob die Trennung von ambulant und stationär überhaupt noch zeitgemäß ist.
Diese Trennung wird schwer aufzulösen sein, weil niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser an ihrem Status festhalten.

Die Trennung hat zwar jahrelang gut funktioniert. Jetzt ist es aber zumindest im ländlichen Raum an der Zeit, darüber zu diskutieren, ob man sie aufweichen sollte. Es gibt doch gar nicht mehr genügend Ärzte, um alle Praxen zu besetzen. Daher ist es sinnvoller, Krankenhäuser für den ambulanten Markt zu öffnen und somit eine gewisse Grundversorgung sicherzustellen. Ärzte können sich dort im ambulanten Bereich anstellen lassen, dadurch haben sie weniger wirtschaftliche Risiken. Der Bürger hat den Vorteil, dass viele Leistungen aus einer Hand angeboten werden.
Also sollen in Krankenhäusern sämtliche Spezialisten vereint werden?

Wir werden nicht in jeder Region eine Schwerpunktmedizin anbieten können. Laut unserer TK-Umfrage sind 80 Prozent der Versicherten bereit, für hochwertige Versorgung weitere Wege in Kauf zu nehmen. Qualität ist das zentrale Entscheidungsmoment, nicht die Entfernung.

Heißt das, kleinere Häuser würden dann vorwiegend als ambulante Versorgungzentren fungieren, größere die komplizierten Operationen übernehmen?

Wie gesagt, es geht dort um eine Grundversorgung mit ambulanten und stationären Leistungen. Wenn mehr Fachwissen, Erfahrung und Gerätemedizin benötigt wird, macht es Sinn, diese Leistungen zu zentralisieren. Man kann nicht überall alles vorhalten.
Die Landesregierung hat im Krankenhausplan beschlossen, jeden Standort zu erhalten. Sie wollen diese Frage diskutieren. Haben ländliche Kliniken aus Ihrer Sicht keine Existenzberechtigung mehr?

Man kann nicht pauschal sagen, dass Kliniken ab einer bestimmten Größe aufgegeben werden sollten – ohne sich die örtlichen Strukturen genau anzuschauen. Die Bedürfnisse sind regional sehr unterschiedlich, letztlich hängen viele Arbeitsplätze an einem Klinikstandort. Es wird aber mit hoher Wahrscheinlichkeit so sein, dass nicht jedes Krankenhaus in Brandenburg in der jetzigen Form erhalten bleiben kann. Die Strukturen müssen an eine älter werdende Bevölkerung angepasst werden. Das verlangt ein Umdenken.
Welche Rolle spielen noch niedergelassene Ärzte, wenn große Ambulanzen entstehen sollen?

Niedergelassene Ärzte wird es auch künftig geben. Es dürfen nicht beide Seiten gegeneinander ausgespielt werden, sondern sie sollten besser kooperieren. Uns sind beispielsweise Hausärzte viel wert. Ihre Position ist so wichtig, weil sie erster Ansprechpartner für die Patienten sind.
Hausärzte in Brandenburg fühlen sich aber seit Jahren durch die Krankenkassen nicht genügend wertgeschätzt, weil sie durch die höhere Morbidität in der Region mehr Leistungen für das gleiche Honorar erbringen müssen.

Wir ringen um Lösungen und stehen in Verhandlungen. Wir werden auch eine Einigung erzielen. Das Grundproblem ist, dass Ärzte hier viel mehr Patienten behandeln müssen als ihre Kollegen in den alten Bundesländern, weil hier Mediziner fehlen. An diesem Punkt muss man ansetzen. Es wird entscheidend sein, junge Ärzte für den Hausarztberuf zu begeistern und sie auf das Land zu locken.
Was sollte aus Ihrer Sicht dafür getan werden?

Mehr Geld ist nicht die einzige Lösung. Es gibt bereits Förderinstrumente, die keinen großen Erfolg zeigen. Wir sollten das Image des Arztberufs verbessern und nicht immer das Gesundheitssystem schlechtreden. Wie sollen sich sonst junge Leute für diese Branche begeistern? Zudem sind familienfreundliche Arbeitszeiten notwendig. Die eigene Praxis kann da abschreckend wirken. Auch sollten wir diskutieren, ob der Numerus clausus für den Arztberuf noch zeitgemäß ist. Eine Abiturnote sagt nichts aus über die Fähigkeit, mit Menschen zu arbeiten.
Sollen die Hürden für das Arztstudium heruntergeschraubt werden?

Nicht unbedingt. Aber man sollte vielleicht stärker die Erfahrung berücksichtigen, die ein Bewerber im Gesundheitswesen etwa als Pfleger gesammelt hat.

Glauben Sie, dass eine Medizinerausbildung im eigenen Bundesland die Defizite beheben kann?

Es ist nicht die große Lösung. In Mecklenburg-Vorpommern können auch viele Stellen nicht besetzt werden, obwohl es dort zwei medizinische Fakultäten gibt.
Welche Forderung haben Sie an die neue Landesregierung in Brandenburg?

Ich würde mir wünschen, dass das Land seine Krankenhausplanung nicht isoliert betrachtet, sondern besser mit Berlin abstimmt. Viele Menschen aus dem Umland lassen sich in Berliner Kliniken behandeln. Was die Klinikfinanzierung betrifft, steht Brandenburg besser da als andere Länder. Aber das Geld reicht auch hier nicht. Es gibt einen Investitionsstau von 500 Millionen Euro. Wenn jedoch, wie diskutiert, Krankenkassen die Länder finanziell unterstützen sollen, wollen wir auch mehr Mitspracherechte bei den Planungen.

Danke für das Gespräch.

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