zur Navigation springen

Tafeln in der Prignitz : Lebensmittel werden knapp

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Immer mehr Menschen nutzen das Angebot der Tafeln. Doch die Versorgung wird schwieriger

svz.de von
erstellt am 23.Mai.2014 | 22:00 Uhr

Die Versorgung von Bedürftigen durch die Tafeln wird in Brandenburg zunehmend aufwendiger. Während die Zahl der Lebensmittelspenden in den vergangenen Jahren stagniert oder zurückgegangen ist, steigt die Zahl der Bedürftigen in einigen Fällen. Zudem klagen die Betreiber über höhere Kosten. Die Tafeln in ländlichen Regionen Brandenburgs sind oft auf die Unterstützung anderer Tafeln angewiesen.

„Zu uns kommen zwar nicht mehr Bedürftige, aber die Discounter in der Region wären nicht in der Lage, den Bedarf allein zu decken“, sagte Hans-Günter Kolip von der Perleberger Tafel dem „Prignitzer“. Im Nordwesten Brandenburgs bekomme man zum Beispiel Hilfe von befreundeten Tafeln in Hamburg, Berlin und aus dem Umland der Hauptstadt. Diese könnten gelegentlich Lebensmittel abgeben. Allerdings seien die weiten Wege natürlich mit erhöhtem logistischen und finanziellen Aufwand verbunden. Im Zweifelsfall müsse man zunehmend restriktiver bei der Zuteilung von Lebensmitteln vorgehen, sagte Kolip, der Vorsitzender im Verein Soziales Aktionsbündnis Prignitz ist.

Helfen könnte Kolip zufolge, wenn Lebensmittelketten bei überschrittenem Mindesthaltbarkeitsdatum ein Auge zudrücken würden: „Wir würden uns wünschen, dass Joghurt, der erst einen Tag abgelaufen ist, nicht in den Müll wandert, sondern an die Tafeln geht.“

In Wittenberge ist die Situation noch angespannter, sagte die dortige Tafel-Leiterin Anette Riehl. „Bei der Ware ist ein starker Rückgang zu merken, während in den letzten Jahren immer mehr Kunden zu uns kommen.“ Der Ansturm hänge auch damit zusammen, dass die neue Ausgabestelle in der Alten Kochschule sehr gut angenommen werde, erklärte Riehl. Dort gebe es einen Wartebereich im Haus. In der verlängerten Bahnstraße hätte Tafel-Kunden dagegen früher „wie auf dem Präsentierteller“ gestanden.

Dass Lebensmittelketten ihre Waren inzwischen oft selbst bis zum letztmöglichen Zeitpunkt verkaufen, ist auch für die Tafeln in der Prignitz ein Problem. „Manchmal bekommen wir zehn Kisten mit Erdbeeren, die alle Matsch sind“, sagte Riehl. Auf den Entsorgungskosten bleiben in solchen Fällen die Tafeln sitzen. Rund zehn Prozent weniger Nahrungsmittel seien von den Lebensmittelketten in den vergangenen Jahren gespendet worden, sagte Norbert Weich, Vorstandsvorsitzender des Landesverbands der Brandenburger Tafeln. Viele Märkte hätten inzwischen ihre Bestellsysteme umgestellt, somit falle weniger Überschuss an. Zugleich haben die 40 Brandenburger Tafeln aber regen Zulauf. Und für die Organisatoren seien die Mieten und der Transport teurer geworden. „Die Kostenlawine macht auch vor uns nicht Halt“, sagte Weich. „Es ist nicht auszuschließen, dass einzelne Tafeln in zwei, drei Jahren nicht mehr weitermachen können.“

Lothar Hayn von der Potsdamer Tafel verzeichnet im Bereich der Landeshauptstadt steigende Kundenzahlen. „Wir versorgen allein an einer einzigen Ausgabestelle 168 Klienten.“ Unter ihnen seien auch vermehrt Studenten und Rentner – Vorrang hätten aber Familien mit Kindern. Die Potsdamer Tafel arbeite mit nahezu allen großen Discountern und Supermärkten in der Umgebung zusammen, hinzu kämen Großhändler. Gelegentlich holten die ehrenamtlichen Fahrer auch Lebensmittel von der Berliner Tafel ab. Trotzdem reiche das Angebot schon jetzt kaum noch aus, um alle versorgen zu können. „Noch packen wir’s, aber es wird knapper“, so Hayn.

Auf Partnerschaften mit anderen Tafeln ist auch Frankfurt (Oder) angewiesen, wie Sprecherin Anne Schmidt erläuterte. „Die Zahl der Spenden steigt bei uns sogar leicht, aber wir haben in den letzten Jahren schätzungsweise bis zu einem Drittel mehr Kunden“, sagte Schmidt. Was die Lebensmittelketten in Frankfurt (Oder) abgeben, reiche nicht aus. Man arbeite daher auch mit Berliner und Hamburger Tafeln zusammen. „Wir machen Handstände, um das Versorgungsproblem zu lösen“, sagte Schmidt.

Den Austausch der Tafeln untereinander organisiert Kai Noack, der zudem für Südbrandenburg zuständig ist. Nach Einschätzung von Noack gibt es immer noch genügend Lebensmittel. Dem Bundesverband Deutsche Tafel e.V. zufolge ist die Zahl der Spenden in Deutschland insgesamt sogar gestiegen. Diese müssten jedoch in Brandenburg oft über weite Strecken transportiert werden, erklärte Noack. Das treibe die Kosten in die Höhe. Problematisch sei zudem, dass einige Filialen nach wie vor Nahrung wegschmeißen. Daher wenden sich die Tafeln zunehmend direkt an die Lebensmittelproduzenten. Zusätzlich gibt es unter anderem in Cottbus und Spremberg sogenannte „‚Tafelgärten“, in denen freiwillige Helfer Obst und Gemüse anbauen.

Besonders schwierig sei die Versorgung der ländlichen Gegenden, sagte Norbert Weich vom brandenburgischen Tafel-Landesverband. „Wir haben überlegt, in kleinen Orten mobile Tafeln anzubieten, aber da sind oft die Fahrtkosten zu hoch.“ Umgekehrt könnten es sich viele Menschen nicht leisten, selbst bis zur nächsten Tafel zu fahren. Grundsätzlich könne nur die Politik das Problem lösen, meinte Weich: „Wichtig ist, dass endlich etwas gegen Kinder- und Altersarmut getan wird.“ Trotz des großen Zulaufs schätzt Weich, dass maximal 15 Prozent aller bedürftigen Brandenburger die Unterstützung der Tafeln nutzen. „Die Schamgrenze, zu uns zu kommen, ist bei vielen sehr hoch.“

Die Tafeln sind gemeinnützige Organisationen. Sie sammeln Lebensmittel und verteilen diese kostenlos oder zu einem symbolischen Betrag an Arme.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen